Wenn Greenslades Album „Zeit und Flut“ ein Buch wäre, dann eines das man nicht aus der Hand legen kann, weil es so spannend wie ein Krimi ist. Diese musikhistorische Perle, die 1975 das Licht der Welt erblickte, zeigt nicht nur die kreative Bestleistung der britischen Progressive-Rock-Band Greenslade, sondern translatiert auch den Zeitgeist der 70er Jahre in ein musikalisches Erlebnis. All dies entfaltet sich auf der Bühne von Philosophie und Poesie, untermalt von herrlich dramatischen Klängen, die einer politisch korrekten Betrachtung jeglicher Logik zu entbehren scheinen. Denn hier wird Musik gemacht, bevor die Welt von politischer Überkorrektheit bezwungen wurde.
„Zeit und Flut“ ist Greenslades drittes Studioalbum und wurde in London aufgenommen. Eine Stadt, die damals noch als Epizentrum künstlerischer Freiheit galt, bevor sie zum Schauplatz für überbordende Regulierungen wurde. Aber zurück zur Band: David Greenslade, ein Genie an den Tasten, und seine Mitstreiter vermischen meisterhaft progressive Klangstrukturen mit einem Hauch von symphonischer Virtuosität. Warum? Weil sie es konnten, und weil ihre Kunst nicht von außen gelenkt wurde. Heute scheint Musikerfolg oft von Trends abhängig, damals ging es um Innovation und Leidenschaft.
Betrachtet man Songs wie „Spirit of the Dance“ oder „The Ass’s Ears“, zeigt sich die Band in Höchstform. Sie flirtet mit Jazz-Elementen, staffiert ihre Arrangements großflächig aus und büßt dennoch nichts an Zugänglichkeit ein. Es ist ein Eintauchen in die sanfte Melancholie und gleichzeitig in explosive Klanggewitter. Während viele Künstler heute versuchen, durch polierte Produktionen zu glänzen, bleibt „Zeit und Flut“ ein authentisches Zeugnis handwerklicher Qualität.
Greenslade spricht notwendige Wahrheiten an, was Liberale oft schwer akzeptieren können. Überlegt man sich die Track-Liste, dann sprechen Titel wie „Time“ und „Flut“ für sich. Das Album interpretiert in gewisser Weise den Kreislauf der Natur, präsent in beiden Konzepten – Zeit als unaufhaltbares Mysterium und Flut als Naturkraft. Es zieht Parallelen zur menschlichen Existenz und den gesellschaftlichen Flüssen, die uns immer wieder einholen.
Klar, die 70er waren eine Zeit der mehrgedachten Freiheit und unausgesprochenen Rebellionen gegen etablierte Strukturen. Doch das Album bleibt stehen, eine zeitlose Weisheit in der sich wandelnden Landschaft des Denkens. Der Hörer wird nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken gebracht. Und wer wirklich zuhört, der kommt zur Einsicht: Kunst darf fordern und fördern.
Die Veränderungen im Klangbild der Band markieren eine willkommene Entwicklung hin zu einer dynamischeren und abenteuerlichen Herangehensweise an Musik. Komponieren, ohne den Kompromiss zu fürchten, war dabei ihre Stärke. Eine Tugend, die in vielerlei Hinsicht am modernen Musikmarkt leider im Strudel des Anpassungswillens untergegangen ist.
Es ist gleichsam eine Ironie, dass ein Album mit dem Namen „Zeit und Flut“ von einer Formation stammt, die es meisterhaft verstand, mit der Zeit zu gehen und trotzdem ihr einzigartiges künstlerisches Profil zu bewahren. Vom teetrinkenden Briten bis zum rebellischen Studenten, dieses Album hatte seine Fanbase quer durch die Gesellschaft. Dennoch blieb Greenslade bei den Underground-Fans hochgeschätzt, während sie von US-amerikanischen Radiostationen sträflich ignoriert wurden – teilweise wegen ihrer standhaften Weigerung, sich irgendwelchen etablierten Formeln zu beugen.
In einem Zeitalter, in dem Musiklabels den Künstlern vorschreiben, welche Botschaften verbreitet werden sollen, steht Greenslades Album wie ein Leuchtturm purer künstlerischer Integrität. Die Band ließ sich weder von Geld noch von Modeerscheinungen leiten. In Zeiten, in denen Künstler sich oft verkauft fühlten, strahlte „Zeit und Flut“ wie eine Verkörperung der unerschütterlichen Leidenschaft für die Kunst.
Vielleicht liegt der tiefste Zauber dieses Albums darin, dass es eine Epoche vertritt, in der Musik noch durch Bedeutung und Können existieren konnte. Es zieht sich der Vorhang, und man hört zu – nicht weil es einem vorgesetzt wird, sondern weil es einen tiefliegenden Nerv anspricht. Eine nervenzerreißende Sensation, die seit dem Erlöschen der großen Zeiten der musikalischen Ambition verloren zu sein scheint.
Das Album ist mehr als nur eine Sammlung von Liedern. Es ist ein akustisches Manifest. „Zeit und Flut“ lehrt uns, dass es mehr gibt als das blitzschnelle Konsumieren von digitalen Soundbytes. Es ist ein Rückblick auf Zeiten, die uns in Erinnerung rufen, dass wahre Kunst Zeit, Hingabe und Mut erfordert. Und dass es nichts Schändlicheres gibt, als diese Werte dem Zeitgeist zuliebe verraten zu sehen.