Warum 'Wesentlich wie alles andere' wesentlich wichtiger ist als gedacht

Warum 'Wesentlich wie alles andere' wesentlich wichtiger ist als gedacht

'Wesentlich wie alles andere' ist ein meisterhaftes Theaterstück von Franz Müller, das die Gesellschaft und ihre oberflächlichen Werte gnadenlos hinterfragt.

Vince Vanguard

Vince Vanguard

Man könnte meinen, dass 'Wesentlich wie alles andere' nur ein weiteres Theaterstück ist, das irgendwo in einem kleinen Stadttheater aufgeführt wird, um das kulturelle Gewissen der modernen Gesellschaft zu beruhigen. Doch falsch gedacht! Dieses Stück, das von dem talentierten Dramatiker und Regisseur Franz Müller geschrieben und inszeniert wurde, hat Mitte 2023 die Bühne im renommierten Theater zum Goldenen Hirsch in Berlin erobert.

Aber worum geht es eigentlich? Die Handlung ist, im Grunde genommen, eine schonungslose Abrechnung mit der gegenwärtigen Gesellschaft, ihren Werten und ihrer Prioritätensetzung. Müllers Genialität liegt ebenso in der Fähigkeit, mit scheinbar trivialen Situationen große gesellschaftliche Fragen zu behandeln. Natürlich mag das manchen nicht schmecken, vor allem jenen, die an der Oberfläche bleiben wollen.

Im Zentrum dieser heiteren wie tiefgründigen Satire stehen Charaktere, die auf den ersten Blick alltäglich wirken, vom ambitionierten Unternehmensberater bis zur verzweifelten Hausfrau. Die Dialoge sind treffend und voller Ironie; Müller versteht es meisterhaft, den Finger in die Wunde der fehlgeleiteten Wertorientierung des modernen Menschen zu legen.

Doch warum sollte uns das Stück interessieren? Ganz einfach: Es hält uns einen Spiegel vor, in dem wir unsere eigene Verirrung und Oberflächlichkeit erkennen können. Während sich viele vom Glanz der Sozialmedien und von oberflächlichen Idealen blenden lassen, zeigt 'Wesentlich wie alles andere', dass es an der Zeit ist, sich auf das wirklich Wesentliche zu besinnen.

Der erwartungsgemäß gefüllte Saal in Berlin zeigt, dass die Menschen es satt haben, mit rosa Brillen durch das Leben zu stolpern. Sie suchen nach Substanz, nach Diskussionen, die tiefer gehen als das tägliche Geplänkel auf Twitter oder Instagram. Müller bietet genau das - hochwertige Unterhaltung mit einem Schuss Gesellschaftskritik, der einen Wachrüttel-Effekt auf alle hat, die noch nicht das Hirn an Eingangstore ihrer liebsten Algorithmen abgegeben haben.

Natürlich bleibt die Frage, warum ein Stück wie dieses heute überhaupt nötig ist. Ist die Antwort so schwer zu finden? In einer Welt, die von politischer Korrektheit überflutet zu sein scheint und in der die leeren Phrasen der durchschaubar ‚Toleranten’ nichts ändern werden, braucht es einen Aufschrei gegen das Diktat des Banalen. Müller bietet uns genau das: einen Aufschrei, der aber nicht in törichtem Aktionismus endet, sondern zum nachhaltigen Nachdenken anregt.

Wer bislang noch nicht die Gelegenheit hatte, Müllers Werk zu erleben, sei ermutigt, sich ein Ticket zu sichern, solange noch welche verfügbar sind. 'Wesentlich wie alles andere' ist nicht nur ein Theaterverständnis, sondern eine intellektuelle Bereicherung für jeden, der mehr als Geschwätz erwartet. Müllers Pointen haben die Schärfe eines chirurgischen Messers und die Tiefe eines literarischen Meisters.

Ein faszinierender Aspekt, der nicht unerwähnt bleiben soll, ist, wie sich das Publikum während der Vorstellungen verhält. Es ist fast, als ob die Zuschauer in einen tiefen Dialog miteinander und mit der Bühnenhandlung treten. Kaum ein Lachen, das nicht auch eine Reflexion bringt, kaum ein Moment der Stille, der nicht mit substanziellen Gedanken gefüllt ist.

Ein Schelm, der denkt, dass ein solches Stück in unserer hektischen und erstaunlich unaufmerksamen Welt keinen Platz hat. Ganz im Gegenteil: 'Wesentlich wie alles andere' erobert nicht nur die Herzen, sondern auch die Köpfe derjenigen, die bereit sind, über den Tellerrand hinauszublicken.

Das Vermächtnis eines solchen Werkes könnte darin bestehen, dass Menschen dazu gebracht werden, den wahren Wert ihrer Entscheidungen zu hinterfragen und die Bedeutung von Menschlichkeit neu zu bewerten. Vielleicht ist es auch an der Zeit für ein wenig Ernsthaftigkeit in einer Zeit, in der alles marginalisiert wird, was nicht direkt in den nächsten Mainstream-Trend passt.

Franz Müllers Erfolg könnte bald auch über die Grenzen Berlins hinaus Wellen schlagen. Man hört bereits in anderen Städten interessiertes Gemurmel, Theaterliebhaber und Intellektuelle machen sich bereit, Müllers Werk in den eigenen Kulturräumen willkommen zu heißen.

Letztlich bleibt es jedem selbst überlassen, ob er die Möglichkeit nutzt, 'Wesentlich wie alles andere' zu erleben. Doch passiv bleiben, das könnte am Ende auch bedeuten, die eigene Erweckung zu versäumen, die dieser Theatermoment in sich birgt. Eine Theateraufführung, die uns lehrt, unseren von Konsum und Massenware getriebenen Wertekanon auf den Prüfstand zu stellen – kann das wirklich in Frage gestellt werden?

Schon allein dafür hat sich Müllers Wagnis gelohnt: einen Sturm im Wasserglas heraufzubeschwören, der uns daran erinnert, dass Kultur weit mehr sein kann als nur Unterhaltung – sie ist eine Möglichkeit zur wahren Auseinandersetzung mit sich selbst und der Gesellschaft.