Wer hätte gedacht, dass ein Kinofilm aus Indien es schafft, in die Herzen vieler junger Leute in Deutschland einzudringen? 2018 brachte uns "Totaler Dadagiri", einen bengalischen Film, der zunächst in den Kinos von Westbengalen Premiere feierte und bald auch in anderen Bundesländern Indiens für Furore sorgte. Regie führte der junge und talentierte Pathikrit Basu. Aber warum redet der gesamte Subkontinent so viel über diesen Streifen? Ganz einfach, weil er das Thema Uni-Leben und Rebellion gegen das Establishment in einer so packenden, witzigen und zugänglichen Weise behandelt. Während wir in Deutschland doch eine allzu zivilisierte und konforme universitäre Kultur erleben, zeigt "Totaler Dadagiri" wie aufmüpfig und belebt das Studentenleben in Westbengalen sein kann.
Beginnen wir damit, warum "Totaler Dadagiri" ausgerechnet für uns so interessant ist. Die Frage ist nicht, warum er hier so reißenden Absatz findet, sondern eher, wie er die Meinungen und Ansichten unserer jungen Generation beeinflusst. Ein Film, der die ewige Geschichte von Rebellion und Autorität in den Hörsälen erzählt - uns hier im Westen erinnert man doch gleich an die 68er-Bewegung, oder etwa nicht?
Der Film erzählt die Geschichte von Joy, einem charmanten und intelligenten jungen Mann aus einer gutbürgerlichen Familie, der seine Probleme mit Autoritätspersonen hat. Das klingt zunächst nach einem altbekannten Thema – ein junger Mann gegen das System. Aber anders als bei uns macht Joy seine Auseinandersetzung mit den Autoritäten auf so unterhaltsame und humorvolle Art, dass die Botschaft von Freiheit und Individualismus emotional einschlägt. Es ist weniger "Protest für das Landeswohl" und mehr "mein persönlicher Freiheitskampf". Wie lange ist es her, seit wir so eine klare, unverdünnte Darstellung von persönlichem Mut auf der Leinwand gesehen haben?
Nun, was macht den Film zu einem derartigen Hit? Die Darstellung des Uni-Lebens in Kombination mit einem feinen Gespür für Komik und Drama. Anders als bei unseren formell strukturierten, fast schon langweiligen Universitäten, scheint das indische Uni-Leben quirlig, emotional und irgendwo zwischen Gesetz und Chaos zu existieren. Für uns, die in einem Land leben, wo der Uni-Alltag durch und durch von Regeln und Durchführungsbestimmungen diktiert wird, kommt "Totaler Dadagiri" wie ein frischer Wind daher.
Ein Grund für die Faszination könnte sein, dass "Totaler Dadagiri" Beziehungen zwischen Dozenten und Studierenden in einem anderen Licht zeigt. Der Film spielt charmant mit der Grenze zwischen Respekt und Rebellion und der Versöhnung von oft gegensätzlichen Weltanschauungen. Wenn der Professor auf der Leinwand plötzlich die Meinung der Studierenden anerkennt und aus Joys Fehlern lernt, dann schlägt unser striktes Bildungssystem fast schon ein bisschen zurück.
Es ist nicht nur eine Geschichte über ein bisschen Jugendlichkeit und „gegen das System“-Emotion; es ist ein Ausruf zur Selbstbestimmung und eine Motorisierung. "Totaler Dadagiri" befasst sich mit der jugendlichen Energie und Kreativität, die bei uns oft in den Hierarchien übersehen wird. Wer möchte nicht in die Rolle von Joy schlüpfen und persönliche Interessen vor starren Systemen stellen?
Wirft man einen Blick in die sozialen Medien, dann sieht man, wie der Film auch in Deutschland Anklang findet. Junge Menschen diskutieren offen darüber, wie sie "Totaler Dadagiri" als Inspiration für ihre eigene Entfaltung nutzen. Nun könnte man argumentieren, dass der Film vornehmlich im indischen Kulturraum feststeckt, doch schaut man genauer hin, wird die universelle Anziehungskraft klar. Junge Menschen - sei es in Indien oder Deutschland - träumen von der Freiheit, selbst über ihre Berufung zu entscheiden und dabei nur das Wohlleben im Blick zu haben.
Während uns die üblichen liberalen Truppen häufig in die Irre führen, indem sie "Individualismus" als Synonym für moderne Egoismen propagieren, erinnert der Film uns daran, wie Segregation in einem System aussehen kann: In "Totaler Dadagiri" bedeutet Unabhängigkeit, die persönliche Verantwortung zu übernehmen. Ironischerweise bringt der Film uns dazu, unseren fast automatisierten Bildungsansatz zu hinterfragen und uns zu fragen, ob wir nicht vielleicht ein bisschen mehr von Joys energetischer Entstaltung vertragen könnten.
Ist "Totaler Dadagiri" das Kino, das die Welt braucht? Vielleicht nicht für jedermann. Aber einerseits ist er ein längst überfälliger Augenöffner in einer Zeit, in der die meisten von uns blind der Norm folgen. Vielleicht wird es Zeit, die Scheuklappen abzulegen und das Indo-Universum für unsere Lösungen zu nutzen. Mit „Totaler Dadagiri“ bekommt die Studentenschaft endlich das Sprachrohr, das sie in einer Struktur, die Veränderung fürchtet, immer gesucht hat. So einfach ist das.