Wenn ein Junge aus Indonesien auf dem Rücken eines prächtig dekorierten Löwen reitet, könnte man meinen, hier wird ein Disney-Film nachgespielt. Doch weit gefehlt! Wer „Sisingaan“ im kleinen westlichen Java-Städtchen Subang erlebt, erfährt hautnah ein kulturelles Spektakel, das reich an Tradition, Stolz und Anmut ist. Es handelt sich um ein grandioses Zeremoniell, das tief in der indonesischen Kultur verwurzelt ist und bei Festveranstaltungen und Zeremonien wie Hochzeiten und Beschneidungen zur Schau gestellt wird.
Sisingaan, das sinngemäß „Löwe spielen“ bedeutet, hat eine Geschichte, die mehr als 200 Jahre zurückreicht. Etwa im 19. Jahrhundert begann diese Tradition, die mit Unterdrückung und Rebellion verbunden ist. Die niederländische Kolonialherrschaft lastete schwer auf dem Rücken der lokalen Bevölkerung und die Sisingaan-Tänzer trugen ihre Botschaften des Widerstands symbolisch auf Löwen durch die Straßen. Diese mutige Darstellung erlangte im Kampf um nationale Identität und Unabhängigkeit eine Vorreiterrolle.
Natürlich könnte man die gesamte Performance als bloße Unterhaltung abtun, als bunte, laute Parade, die in prächtigen Kostümen gefeiert wird. Der skeptische Beobachter mag sogar meinen, die löwenartigen Puppen haben ihren tiefen Sinn verloren, aber das würde der Tradition nicht gerecht werden. Warum? Weil es mehr um die Würdigung der eigenen Wurzeln und die Stärke der Gemeinschaft geht. In unseren westlichen Breitengraden mögen manche das für antiquiert halten, sich auf so eine Art und Weise mit alten Gewohnheiten zu bestätigen, doch im Kern liegt eine tiefe Verbindung und Respekt zu den Vorfahren.
Moderne Technologie und weltweite Vernetzung mögen das Bewusstsein der Menschen verändern, aber Sisingaan bleibt ein lebendiges Zeugnis gegen den Strom der Vernachlässigung der eigenen kulturellen Identität. In unserer zunehmend globalisierten Gesellschaft scheinen viele die eigenen kulturellen Traditionen zugunsten eines milden, allgemeinverträglichen Kulturgemixes aufzugeben. Auch wenn viele auf den Zug des globalisierten Einheitsbreis aufspringen, zeigt Sisingaan, dass es immer noch Traditionen gibt, die tiefer gehen, die mehr bedeuten, als das oberflächliche Schulterzucken einer zunehmend kulturferneren Welt.
Wenn man genauer hinsieht, zeigt sich die wahre Bedeutung des Tänzers auf dem Löwen. Junge Jungen, die am Übertritt vom Kindesalter in das Erwachsenenalter stehen, werden sinnbildlich auf den Schultern ihrer Ahnen getragen, ausgedrückt durch den Löwen. Es sind diese Jungen, die die Tradition, Werte und Kultur ihrer Gemeinschaft in die Zukunft tragen. Eine symbolische Handlungsweise, die darauf verweist, dass man niemals vergessen sollte, wer man ist und woher man kommt. Besuche eines Sisingaan-Rituals bringen nahezu unweigerlich die Frage auf: Schätzen wir tatsächlich unsere eigene Kultur so, wie es die Indonesier tun?
Diese Feierlichkeit, die lokal und international gleichermaßen geliebt wird, mag von liberaleren Kreisen als eine Art stockkonservativer Selbstgeißelung angesehen werden, die an einer Ära festhält, die längst vorbei ist. Doch gerade in dieser Verankerung liegt die Stärke. Globaler Fortschritt ist nicht gleichbedeutend mit kulturellem Vergessen.
Sie in einem Atemzug mit modernen Festivalphänomenen zu nennen, wäre völlig unangemessen. Wo man auf unseren Straßen mit massenproduzierten Event-Löwen jagt, zählt in Subang jeder einzelne, handgefertigte Schritt der Tradition. Langweilig oder hoffnungslos altmodisch mag es manchem erscheinen, doch es atmet Geschichte ein und aus, ganz zu schweigen von der einzigartigen ästhetischen Erfahrung. Während man in der westlichen Welt gewohnt ist, eigene Traditionen zu modernisieren oder gar zu verwerfen, bietet Sisingaan eine erfrischende Perspektive, die zeigt, dass Käuferanzahl und massentaugliches Denken nicht das Maß aller Dinge sind.
Was könnten andere Kulturen aus einer Tradition wie dieser lernen? Vielleicht, dass es nicht verwerflich ist, stolz auf die eigene Identität zu sein und diese von Generation zu Generation ohne Scham zu zelebrieren. Das Respektieren der Vergangenheit war niemals so plastisch wie im Tanz mit den Löwen. Tief in der indonesischen Erde verwurzelt, reckt sich der Sisingaan-Löwe in majestätischem Stolz empor – ein Ausdruck des Trotzgehalts und der Selbstbehauptung einer Gemeinschaft.
Es bleibt schlichtweg festzuhalten, dass Sisingaan mehr ist als nur eine Show. Es ist ein faszinierender Beweis dafür, dass uralte Traditionen in einer modernen Welt beständig und relevant sein können, selbst wenn sie vielleicht nicht in das weltoffene Zeitalter unserer Zeit passen. Der Welt den Rücken zukehren? Kaum. Es zeigt vielmehr, dass Authentizität und Stolz auf die eigene Herkunft von unschätzbarem Wert sind. Sisingaan, Löwe, Stolz und Widerstand in einem künstlerischen Atemzug.