Nicht meine Verantwortung – drei Worte, die in den letzten Jahren zu einer Art Mantra geworden sind, besonders im politischen Diskurs der westlichen Welt. Ursprünglich aus dem Englischen "Not my responsibility" übernommen, hat sich dieser Satz als beliebte Ausrede etabliert. Besonders in der Politik und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts erlebt dieser Gedanke einen regelrechten Boom. Aber was treibt diesen Trend an, und warum ist er so ansprechend?
Eine Sache ist sicher: Verantwortung zu übernehmen, erfordert Mut. Auf der einen Seite haben wir Menschen, die stolz darauf sind, die Ärmel hochzukrempeln und sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die lieber den einfachen Weg wählen und sagen: „Nicht meine Verantwortung“. Dies sorgt nicht nur für Frustration bei jenen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sondern hat auch weitreichende Konsequenzen für das soziale Gefüge.
Erstens ist es wichtig zu erkennen, wie tief dieser Trend in der politischen Landschaft verwurzelt ist. In einem Zeitalter, in dem individuelle Freiheit häufig an erster Stelle steht, hat sich der Gedanke verstärkt, dass persönliche Verantwortlichkeit optional ist. Das Problem dabei ist, dass gemeinschaftliches Wohlergehen ohne individuelle Beiträge nicht bestehen kann.
Zweitens zahlt sich Verantwortung aus. Ob bei der Arbeit, in der Familie oder in der Gemeinschaft – wer Verantwortung übernimmt, gewinnt im Endeffekt das Vertrauen und den Respekt seiner Mitmenschen. Es ist ein einfaches Konzept, das einigen trotzdem fremd scheint. Man könnte es mit einer Gruppe Bergwanderer vergleichen: Jemand muss den Weg weisen und die Karte lesen, während andere lieber von der Aussicht schwärmen oder in den Pausen naschen.
Drittens fördert die Ablehnung der Verantwortung Egoismus. Eine Kultur der Verantwortungslosigkeit ist nicht nur der Nährboden für Faulheit, sondern auch für soziale Zersplitterung. Wenn jeder nur auf sich selbst achtet, schwinden Vertrauen und Zusammenarbeit dahin. Das können wir uns nicht leisten.
Viertens stellt sich die Frage nach der Erziehung. Wie werden Kinder in einer Welt aufwachsen, in der Verantwortung zur Ausnahme wird? Ohne Vorbilder, die Verantwortung vorleben, verlieren jüngere Generationen das Verständnis für das Prinzip von Ursache und Wirkung. Wenn niemand mehr Verantwortung übernimmt, wer trägt dann die Konsequenzen für kollektives Versagen?
Fünftens, und nicht zuletzt, ist dieser Trend hochgradig ansteckend. Wenn einige damit durchkommen, Verantwortung abzulehnen, warum sollten andere nicht auch versuchen, es sich leicht zu machen? So zieht sich ein roter Faden der Verantwortungslosigkeit durch die Gesellschaft, der kaum durchtrennt werden kann.
Sechstens ignoriert „Nicht meine Verantwortung“ die Tatsache, dass vieles, was passiert, eine kollektive Einwirkung hat. Probleme verschwinden nicht einfach von selbst. Sie verpuffen nicht, nur weil sich niemand darum kümmern will. Hier gleitet die Verweigerung, sich zu engagieren, in Gleichgültigkeit ab – machtvoll gefördert durch soziale Medien, die es leicht machen, sich aus der Verantwortung zu stehlen.
Siebtens fällt auf, dass eine Rückkehr zur Verantwortungsübernahme oft erst dann einsetzt, wenn die Konsequenzen unausweichlich werden. Krisen rufen Verantwortungsbewusstsein oft mehr ins Bewusstsein als ruhige Zeiten. Doch warum sollten wir bis zum Abgrund warten, bevor wir handeln?
Achtens, und besonders provokant, ist die ironische Tatsache, dass diejenigen, die am lautesten „Nicht meine Verantwortung“ schreien, oftmals von den Errungenschaften anderer profitieren. Die Stabilität und der Wohlstand, die andere aufgebaut haben, werden für selbstverständlich gehalten.
Neuntens verschwinden durch den Trend der Verantwortungslosigkeit die wahren Probleme nicht, sie verlagern sich nur. Wer sich der Verantwortung entzieht, belastet andere, indem er die Lösung ihrer Last überlässt. Das Prinzip der Gemeinschaft leidet unter solchem Verhalten.
Zehntens bleibt die Tatsache, dass die Worte „Nicht meine Verantwortung“ eine Machtübertragung darstellen. Indem man die Verantwortung ablehnt, wird sie zwangsläufig jemand anderem überlassen, und oft sind es die falschen Hände, die davon profitieren. Währenddessen mehren sich die Beschwerden über den Zustand der Welt.
Am Ende des Tages könnten wir uns alle ein Beispiel daran nehmen, ein wenig Verantwortung zu übernehmen, wo immer es möglich ist. Die Antithese dazu, sich einfach der Verantwortung zu entziehen, hilft jedoch niemandem weiter und verheißt nichts Gutes für die Zukunft unserer Gesellschaft.