Vom Waisenjungen zum Retter der Welt – Mel Foster und der Dämon Butler verbindet Abenteuerlust mit einem Hauch von Grusel und Gesellschaftskritik. Dieses Werk von Julia Golding, veröffentlicht 2015, entführt uns in das viktorianische England, wo Mel Foster zufällig einen Dämon aus seinem eisigen Gefängnis befreit. Klingt spannend? Klingt nach einem Hochgenuss für alle, die bei Geschichten auf den letzten Metern noch ein Augenzwinkern erwarten.
Zuerst der Teaser: Die Geschichte entfaltet sich mitten im verschneiten 1866. Nachdem Mel auf spektakuläre Weise die dämonische Kreatur Thanatos befreit, wird klar, dass diese Kreatur keineswegs zerstörerische Absichten hegt. Vielmehr ist er der Butler Queen Victoria's, der nun seinen rechtmäßigen Platz im Empire einnehmen will. Auf einmal ist es nicht mehr nur ein Kampf gegen Monster, sondern ein regelrechter Clash of Cultures mitten im nebligen London.
Der Clou hier ist, wie Golding das Gruselthema in einer Kinderbuchgeschichte einwebt, während sie archaisch anmutende Werte zurück auf die Agenda bringt: Mut, Moral und das Streben nach Ordnung in einer chaotischen Welt. Doch Vorsicht, dieser Ansatz könnte die modernen Sittenwächter erzürnen.
Die konservativen Werte, die Golding geschickt in den Plot flechtet, erinnern an eine Zeit, in der das Gute und das Schlechte klar voneinander zu trennen waren. Mel Foster steht für den jungen Helden, der verständlicherweise nicht dem starren Regelwerk folgt, sondern seinen eigenen Weg erst finden muss. Diese Entwicklung wird scharfsinnig erzählt und überzeugt durch eine klare Tugendbotschaft – etwas, das in der heutigen literarischen Landschaft oft fehlt. Diese erzählerische Rückbesinnung stößt möglicherweise im linken Segment auf Ablehnung. Doch genau hierin liegt die Kraft: Die Geschichte zelebriert das Abenteuer des Einzelnen, das wie ein funkelnder Stern in der Dunkelheit leuchtet.
Die Figur des Dämon Butlers Thanatos ist geradezu genussvoll subversiv. Wie bei einem feinen Tischgespräch schleust Golding subtile Gesellschaftskritik in den Dialog ein. Während Thanatos zu der gehobenen Gesellschaft gehört, fordert seine Präsenz die bestehende Ordnung heraus und unterstreicht das Potenzial einer Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart, in der etablierten Normen einer Prüfung unterzogen werden – ein Element, das einen feinen Nerv bei all jenen berührt, die an bewährten Traditionen festhalten.
Interessant wird es, wenn die Geschichte um Mel und Thanatos ins Paradoxe abdriftet, indem das Duo letztlich gegen wahre Mächte der Dunkelheit kämpft – wohlgemerkt nicht die der modernen Überkomplexität, sondern näher an der mystischen Narration: Hexen und dunkle Mächte aus der viktorianischen Hinterwelt. Dies ist der Inbegriff des guten alten Schwarz-Weiß-Denkens, das mehr Reiz hat, als die politische Korrektheit unserer Zeit es zuließe.
Ein klarer Höhepunkt ist die Begegnung mit Queen Victoria, die nicht nur ein Zeichen der unveränderlichen Ordnung zu jener Zeit war, sondern auch eine Repräsentantin für eine Monarchie, die sowohl ihm als auch dem Leser eine Perspektive des Durchhaltens schenkt. Der Blick zurück auf London verwandelt sich beinahe in eine Liebeserklärung an eine Ära, die weniger verworren, wenn auch nicht weniger schwierig war.
In einem Meer von Kinderbüchern, die den Leser mit unendlichen Grautönen verwirren, strahlt 'Mel Foster und der Dämon Butler' als Bastion klarer, mutiger Geschichten. Wo andere das Bedürfnis verspüren, jeden Konflikt mit postmodernen Theorien abzuschwächen, liefert Golding das Gegenteil: Eine klare Auseinandersetzung mit Gut und Böse, begleitet von einer mäßigen Portion gutem, altem Schau- und Gruselkino.
Die Tiefe der Geschichte wird außerdem verstärkt durch die meisterliche Darstellung Londons. Die Nebelschwaden durch die Gassen, triste Ziegelhäuser und der unbezwingbare Drang, die düsteren Geheimnisse von London zu lüften – all das macht dieses Buch zu einem Erlebnis, das eine emotionale Verbindung sowohl bei jungen Lesern als auch bei eingefleischten Abenteurern schafft.
Das Buch wird somit zu einem aufregenden Manifest des Abenteuererbezirkes, das den Leser nicht nur aufgrund des Inhalts, sondern auch durch den Einsatz seiner literarischen Werkzeuge überrascht. Sein Versprechen, klassische Tugenden zu erkunden, kombiniert mit der Innovation einer abenteuerreichen Handlung, sorgt für einen unvergesslichen Leseabend. Eine Herausforderung für unser modernes Selbstverständnis – und das ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Doch für diejenigen, die nach einer Geschichte mit klaren Konturen dürsten, die zu einem erfrischenden Unterhaltungsmedium wird, lohnt sich ein Blick in die Welt von Mel Foster und seinem treuen dämonischen Begleiter allemal.