Wer ist Marguerite Roesgen-Champion, und warum sollten wir uns für sie interessieren? Eine außergewöhnliche Künstlerin, geboren 1894 im beschaulichen Genf, die nicht nur die Musik, sondern auch das vorherrschende gesellschaftliche Gefüge infrage stellte. In einer Zeit, als man als Frau am besten Schweigen und Anmut walten ließ, entschied sich Roesgen-Champion für Klang und Ausdruck. Was für ein Schlag ins Gesicht für ein Establishment, das Frauen lieber als stille Zuhörer denn als Schöpferinnen von Kunstwerken sah!
Roesgen-Champion war eine Schülerin von Joseph Lauber, einem Komponisten, dessen Werke dann in der ersten Reihe standen, wenn es um die Pflege des verstaubten Musikkanons ging. Aber Marguerite hatte keinen Bedarf für Altbekanntes; sie suchte nach neuen Wegen, nach frischen Tönen. Ihre Werke sind radikal, für manche unhörbar chaotisch, und für andere: einfach revolutionär.
Warum soll diese Geschichte irgendjemanden kümmern? Angefangen hat alles im frühen 20. Jahrhundert in einer konservativen Schweizer Gesellschaft, die Frauen in einen Kokon aus Haushalt und Anstand sperrte. Roesgen-Champion stemmte sich gegen diese Rolle, fand Gehör – und sich. Der echte Protest steckt im Komponieren; die Konservativen jener Tage würden umfallen, wenn sie wüssten, dass auch in den Noten ein Aufstand schlummern kann.
Roesgen-Champion wagte es, klare Brüche mit der Tradition einzugehen und war dabei dermaßen erfolgreich, dass selbst ihre Gegner eingestehen mussten: Da ist was dran! Ihre Berufung zur Professorin am Konservatorium von Genf – ja, eine Künstlerin, die an einer so ehrwürdigen Institution lehrt – das war für viele ein Unding. Doch Roesgen-Champion war nicht dafür bekannt, sich kleinen Schranken zu beugen. Ihre Spezialität? Neue Instrumentalmusik, Choralwerke, Orchesterwerke – alles mit einer unverkennbaren Handschrift, die Treue zur Innovation schwörend.
In einem Zeitalter, in dem Künstler oftmals als Verrückte verschrien wurden, bewies Marguerite, dass man auch auf einer breiten gesellschaftlichen Bühne Gehör finden kann. Man kann ihre Arbeit als Komplott gegen die langweilige Norm betrachten, als mutigen Schritt aus dem Schatten, aber zweifellos auch als ein exzellentes Beispiel dafür, wie man mit Talent und ein bisschen Trotz eine Barriere nach der anderen niederreißen kann.
Roesgen-Champions Werke sind ein eindrucksvolles Zeugnis dessen, wie ein einzelner Mensch ganze Bewegungen anstoßen kann. Doch das sollte man den Liberalen nicht sagen – sonst müssten sie zugeben, dass das Individuum mächtiger sein kann als jedes Kollektiv.
Wie wäre es mit einem ihrer Werke als Soundtrack zur nächsten Konservativen Party, nur um die Neugier zu wecken und Verwirrung zu stiften? Denn nein, diese Musik ist nicht „nett“ oder „beruhigend“. Es ist wie ein kräftiger Kaffee, den manche gerne für einen kleinen Schock nehmen.
Und nun eine provokante Frage: Warum hören wir nicht mehr von dieser erstaunlichen Komponistin? Warum verharren wir in einem Kosmos der schon längst verklingenden Harmonien der ewiggleichen bekannten Altvorderen? Vielleicht liegt das an einer nicht enden wollenden Vorliebe für das Bekannte, das Bequeme – eine Vorliebe, die für echte Veränderung blind macht.
Roesgen-Champion bietet nicht nur das Gegenteil davon, sie ruft dazu auf, nicht im Mainstream unterzugehen. In ihrem Werk lebt die Überzeugung weiter, dass Kunst Grenzen sprengen sollte, und das einzige was durch Konventionen eingeschränkt werden sollte, ist der eigene Kalender, nicht der kreative Geist.