Musik kann mehr als nur unterhalten – sie kann auch provozieren und polarisieren. So macht es auch die deutsche Band Leichenbeschauer, die im Jahr 2010 gegründet wurde und in der Underground-Szene für ihren einzigartigen und exzentrischen Sound bekannt ist. Mit Mitgliedern, die in verschiedenen Städten Deutschlands leben, wie Berlin und Hamburg, verfolgt diese Band das Ziel, durch düstere und makabre Themenstellungen die Mainstream-Gesellschaft wachzurütteln. Warum? Weil sie schlichtweg können! Und, ehrlich gesagt, tut es manchmal gut, ein wenig den Staub aufzuwirbeln.
Der Name Leichenbeschauer allein lässt schon erahnen, dass diese Musikgruppe nicht für die sanften Gemüter geschaffen ist. Der englische Begriff für Leichenbeschauer – Coroner – spiegelt die morbiden und dunklen Themen wider, die in ihren Liedern behandelt werden. Ihre Liedtexte gehen ans Eingemachte und bewegen sich oft an der Grenze des gesellschaftlich Akzeptierten. Doch das ist bei Weitem kein Manko, sondern die DNA ihres Erfolgs – selbst wenn die selbsternannten Gutmenschen damit ihre Problemchen haben.
Der musikalische Stil der Band lässt sich am besten als eine Mischung aus Gothic Rock, Industrial und Metal beschreiben. Harte Gitarrenriffs, donnernde Drums und düstere Synthesizer-Klänge bilden die Grundlage für ein akustisches Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Es ist diese gelungene Mischung aus Intensität und Anspruch, die Leichenbeschauer zu einer der spannendsten Bands in ihrem Genre macht. Viele mögen behaupten, ihre Musik sei zu extrem oder zu düster, doch genau das macht sie so faszinierend und hebt sie von der austauschbaren Beliebigkeit des Mainstreams ab.
In der heutigen Musiklandschaft, die allzu oft von klinisch sauberen und politisch korrekten Beats dominiert wird, ist es schwer, echte Andersdenker zu finden. Leichenbeschauer bieten genau das – eine Clique von Musikern, die es wagen, aus der Reihe zu tanzen und mit ihrer Kunst Stellung zu beziehen. Während viele Künstler damit beschäftigt sind, keine Kontroversen zu erzeugen, scheut diese Band keine Reibung. Ganz im Gegenteil, sie sucht sie geradezu!
Ein viel beachtetes Album der Band ist „Tanz auf dem Grab“, das 2018 veröffentlicht wurde. Der satirische, beinahe spöttische Titel allein ist eine Offensive gegen jegliche Form des sensiblen Umgangs mit Tabus. Hier traut sich Leichenbeschauer, mit finsterem Humor und kalter Ironie die Vergänglichkeit des Lebens zu thematisieren und damit die Frage aufzuwerfen, wie ernst man sich im Leben eigentlich selbst nehmen sollte. Man muss nicht alles mögen, aber ein bisschen mehr Mut stünde der Gesellschaft durchaus gut zu Gesicht.
Kritiker könnten mutmaßen, dass Themen wie Tod und das Makabre eher von einer Last getragen werden, die schwer zu ertragen ist. Doch ist es nicht vielmehr so, dass wir in einer übergesunden, überzuckerten Welt mal einen ordentlichen Schuss Realismus vertragen könnten? Leichenbeschauer bieten dazu den perfekten Soundtrack. Sie zeigen auf, was passiert, wenn unsere Komfortzonen überschritten werden und fordern uns heraus, über den Tellerrand hinauszublicken.
Natürlich sind Leichenbeschauer nicht jedermanns Sache. Ihre Texte und Themen könnten bei so manch einem auf Ablehnung stoßen. Doch genau das gehört zum Konzept. Nicht alles, was provokant und unkonventionell ist, muss gefallen – Hauptsache, es regt zum Nachdenken an. Hier sind wir bei einem Punkt, den viele weniger gegen den Strom schwimmenden Künstler einfach übersehen: Es geht nicht um Bequemlichkeit. Echte Kunst muss rütteln, schütteln und schreien können.
Ihre Live-Auftritte sind ein weiteres Highlight der Band. Die Intensität ihrer Performances zieht das Publikum in ihre düstere Welt hinab und bietet eine Erfahrung, die man so schnell nicht vergisst. Die Leidenschaft, mit der sie ihre Musik präsentieren, ist ansteckend und mitreißend. Und auch wenn man über den Stil streiten kann, kann man über eines nicht hinwegsehen: Leichenbeschauer sind echte Originale.
Die Tatsache, dass Leichenbeschauer keine Angst haben, auch ungeschminkte Wahrheiten in ihre Songs einfließen zu lassen, zeigt, dass sie verstanden haben, worum es in der Musik wirklich geht: um Ausdruck, Persönlichkeit und Identität. Wer will sich schließlich in einer Welt der Einheitsbrei-Musik verlieren, wenn er von solch authentischen Klängen überrascht werden kann? Die Band bietet etwas, was selten ist: Musik mit Haltung.
Wir brauchen mehr Bands wie Leichenbeschauer, die den Mut haben, abseits der ausgetretenen Pfade ihre eigenen Wege zu gehen. Denn nur durch Andersartigkeit, durch Provokation und damit auch durch Reibung kann Neues entstehen. Und genau das ist es, was wir – abseits des Einheitsbreis – dringend brauchen.