Warum 'Lady Killer' der provokanteste Roman des Jahres ist

Warum 'Lady Killer' der provokanteste Roman des Jahres ist

Mit einem Augenzwinkern verwebt 'Lady Killer' klassische Kriminalspannung mit einer spöttischen Betrachtung des liberalen Denkens. Dieser provokante Roman aus dem Jahr 2015 bietet Einblick in das faszinierende Doppelleben einer Vorstadthausfrau, die auch Auftragskillerin ist.

Vince Vanguard

Vince Vanguard

Stellen Sie sich einen Roman vor, der mit einer Mischung aus chandleresken Spannung und einem spöttischen Seitenblick auf das liberale Denken kommt – das ist Lady Killer, der meisterhafte Roman, der die literarische Welt auf den Kopf stellt. Geschrieben von Joëlle Jones und erstmals im Jahr 2015 veröffentlicht, verzaubert dieses Werk Leser mit seiner intriganten Geschichte über eine weibliche Auftragskillerin, die das Doppelleben einer perfekten Vorstadthausfrau führt. Angesiedelt in Seattle in den 1960er Jahren, stellt der Roman auf provokante Weise die gesellschaftlichen Normen infrage und spielt mit den Erwartungen an Rollenbilder und das amerikanische Ideal des "American Dream".

Das süffisante Geniale an Lady Killer ist die Art und Weise, wie es Geschlechterrollen auf den Kopf stellt, ohne sich in jammernde Moralmärchen zu verstricken. Josie Schuller, die Hauptprotagonistin, ist keine Märtyrerin, die über die Ungerechtigkeit ihrer Situation klagt; sie ist eine durch und durch kompetente Killerin, die nicht nur die Rolle der hingebungsvollen Hausfrau meistert, sondern gleichermaßen in der Lage ist, eine Waffe zu heben und einen sauber vollzogenen Mord durchzuführen. Das wird mit einem Augenzwinkern präsentiert, das literarische Liberale auf die Barrikaden schicken sollte – wie kann eine Frau, die in einem derart konservativen Setting agiert, trotzdem solch eine mörderische Natur zeigen?

Die Handlung schickt den Leser auf eine Achterbahnfahrt durch blutige Szenarien und verteilt kräftig Seitenhiebe auf den guten alten Feminismus, indem sie die Frage aufwirft, warum man heutzutage immer noch die "Stärke" einer Frau in ihrer Fähigkeit zu Fürsorge und Mitleid sieht, statt in ihrer Kompetenz, ihren Willen durchzusetzen – sei es durch Backen von Keksen oder das Beseitigen unliebsamer Zielpersonen.

Lady Killer erinnert daran, dass das Streben nach Gleichstellung nicht immer in politischer Korrektheit und Gender-Studies enden muss. Es kann – und sollte vielleicht auch – Raum geben für platte Diskussionen darüber, was es bedeutet, "authentisch" zu sein. Der Roman zeigt genau das: Ein Frau kann gleichermaßen eine fürsorgliche Mutter und eine eiskalte Killerin sein, ohne Vereinfachung und moralischem Unterton. Bei aller Provokation kann man Lady Killer auch als eine Art Hommage an ältere Spionageromane sehen, die offensichtlich Männer ins Zentrum stellten, während Frauen lediglich Beiwerk waren – in diesem Fall wird das Ganze herrlich auf den Kopf gestellt. Josies Kampf ist die perfekte Metapher für die moderne, emanzipierte Frau, die sich endlich von der erdrückenden Last der traditionellen Werte befreit.

Doch es wäre ein Fehler, Lady Killer nur als Feminismus-Parabel zu lesen. Der Roman ist unbestreitbar auch ein faszinierender Ausflug in die weibliche Psyche des Doppellebens. Wer hat gesagt, dass Multi-Tasking nur in der Küche stattfindet? Die Fähigkeit der Frauen, unterschiedliche Identitäten zu jonglieren, wird hier bis zum Äußersten gepriesen. Als Leserin oder Leser könnte man sich herausgefordert fühlen, eigene Vorurteile zu hinterfragen und dabei auf recht realistisch-illusionäre Probleme zu stoßen. Ist nicht das freie Recht einer Frau, ein "Lady Killer" zu sein, genauso selbstverständlich, wie jedes andere, das in den vermeintlich so progressiven Zeiten von Feminismus und Gleichberechtigung verteidigt wird?

Dieser Roman wundert nicht mit einer herkömmlichen Erzählweise, sondern verdreht die Logik der ruhigen Vorstadtidylle zu einem satirischen Fest der Verwirrung und Emotionen. Während mancher das Buch vielleicht als absurde Überzeichnung abtun mag, gelingt es Lady Killer, gesellschaftlichen Regeln die Stirn zu bieten und dem Leser eine bitter-notwendige Auseinandersetzung mit seinen eigenen moralischen Schranken zu bieten.

Werke wie dieses führen zu einer notwendigen Debatte über zwei historische Wahrheiten: die Unverlässlichkeit der „konventionellen“ Rollen, die seit langem individuell, aber niemals kollektiv in Frage gestellt werden, und das verworrene Netz weiblicher Identität, das häufig in einer klaren Gender-Schublade verschwinden soll. Die Frage, die sich dann unweigerlich stellt, ist, ob Frauen in dieser Welt wirklich das Recht haben, alles zu sein, was sie möchten – selbst wenn dies bedeutet, gesellschaftliche Normen auf brutalste Weise zu durchbrechen.

Ein Roman, der mit Brillanz den Schein-Realismus der 60er Jahre kontrastiert und dabei dem Leser die Möglichkeit gibt, über echte Freiheit und Authentizität nachzudenken. Denn in einer Welt, die so sehr damit beschäftigt ist, sich selbst in moralischer Überlegenheit aufzublasen, kann eine Geschichte, die sowohl unterhält als auch verstört, den dringend benötigten Atem frischer Luft darstellen.