Manchmal braucht es nur ein Saxophon und ein Schlagzeug, um die Oberflächlichkeit der modernen Welt aufzuzeigen. Rob Brown und Lou Grassi haben 2001 mit ihrem Album Kratzen an der Oberfläche genau das getan. Diese musikalische Zusammenarbeit zwischen dem Saxophonisten Rob Brown und dem Drummer Lou Grassi wurde in einer Aufnahmesession in Brooklyn, New York, geboren und spiegelt eine ungefilterte Ausdrucksform wider, die schwer in klassische Genre-Schubladen zu stecken ist. Ohne falsche Rücksicht auf den Mainstream, nehmen die Musiker das Publikum mit auf eine wilde Reise durch improvisierten Jazz – eine Reise, die man entweder mit offenen Armen empfangen oder vehement ablehnen kann.
Erstens ist es erfrischend zu sehen, wie Künstler die Grenzen des Mainstreams überwinden, während sie die politischen Säume der Musikindustrie ignorieren. Während sich viele von der alles durchdringenden Pop-Kultur verführen lassen, sind Brown und Grassi nicht bereit, sich dem gleichen Trott hinzugeben, der alles in eine Einheitsbrei verwandelt. Kratzen an der Oberfläche ist kein Soundtrack für den Fahrstuhl – und das ist gut so. Es ist unberechenbar, intensiv und dabei auch ein wenig rau. Freiheit, sowohl in der Musik als auch im Denken, ist ein Gut, das verteidigt werden muss, auch wenn es als Krach abgestempelt werden könnte.
Ein zweiter Aspekt, der auffällt, ist der Dialog zwischen den beiden Musikern. Dieser Dialog ist lebendig und dynamisch und funktioniert wie ein lebendiges Gespräch, das sich ständig verschiebt. Man könnte meinen, dass eine solche improvisierte Musik schwer zugänglich sei, aber sie bietet etwas, das großzügig gibt: Ehrlichkeit. Eine Musik, die weder Glanz noch Glamour braucht, um sich Gehör zu verschaffen, ist erfrischend in einer Welt, die oft von Fassade lebt.
Drittens, was Kratzen an der Oberfläche von anderen Alben abhebt, ist das Zusammenspiel der Instrumente. Brown und Grassi schaffen es, aus zwei Instrumenten ein ganzes Spektrum an Emotionen und Klanglandschaften zu schöpfen. Während viele Künstler auf schillernde Produktion setzen, um Mankos im Inhalt zu kaschieren, bleibt dieses Album dem echten Handwerk treu. Es ist ein Weckruf an eine Welt, die in künstlichen Harmonien ertrinkt und Texturen vermisst.
Hier kommt ins Spiel, was manche „Konversationen“ innerhalb der Liberalen als öffnend bezeichnen würden. Es ist jedoch die vermeintliche Unvollkommenheit, die diese Musik ehrlich und authentisch macht. Es erfordert Überschreiten von Komfortzonen, um Rohheit und Emotion zu erleben.
Ein vierter Punkt an Betracht, die Experimentierfreude und Risikobereitschaft der Künstler eröffnet einen Zugang zu neuen und unentdeckten Dimensionen der Musik. Hier wird nichts zurückgehalten oder in den Hintergrund gedrängt. Die Künstler operieren frei nach dem Motto: nichts zu verlieren, alles zu gewinnen. Solch ein Ansatz kann Mut machen, unabhängig zu denken und inspiriert, sich von den Restriktionen der Gesellschaft nicht behindern zu lassen.
Der fünfte Aspekt ist, wie Jazz selbst ein Spiegel der vielseitigen und unbeständigen Natur der heutigen Welt ist. Ähnlich wie die heutigen politischen Landschaften, ist auch dieses Album chaotisch und entgegen dem Strom. Während viele den Versuch unternehmen, das Unerklärliche zu erklären oder das Komplexe zu vereinfachen, zeigt dieses Werk, wie man die Komplexität als Stärke annehmen kann.
Was Kratzen an der Oberfläche zudem einzigartig macht, ist seine Fähigkeit, den Zuhörer herauszufordern. Es weist den Weg in eine Welt, die nicht gehorsam den geschmiedeten Wegen folgt, sondern neue Bahnen abseits der Trampelpfade schlägt. Denn wer hat je gesagt, dass Kunst einfach sein soll? Vielleicht sind genau die komplexen Stücke die, die uns am meisten über uns selbst und unsere Umwelt lehren.
Betrachtet man den Einfluss dieses Albums, so wird deutlich, dass es hier nicht um leicht verdauliche Unterhaltung geht. Es steht als Paradebeispiel für konservative Köpfe, die nicht bereit sind, ihre Prinzipien der Einfachheit zu verkaufen. Es hallt als Echo der Vergangenheit, das in die Zukunft reicht und ermutigt, die Masken der Konformität abzulegen. Die Künstler übergeben dem Zuhörer keinen vorgemalten Hinweispfeil, sondern das Werkzeug, selbst kreativ darauf zu reagieren.
Im Endeffekt ist Kratzen an der Oberfläche eine Armee aus Tönen, die Authentizität vor Glamour stellt und Mut zum Anderssein fördert. Ein Schritt weg von der Konsenswelt hin zu einer, die Wert auf Substanz legt. Unbändigen aufrichtigen Enthusiasmus auf dem weg zu echter Hingabe und Authentizität repräsentierend, steht dieses Album als Bastion der musikalischen Wahrheit. Es ist eine Laus in jedem modernen Pelz der Glätte und Einförmigkeit.