Warum „Kinky Boots“ nicht für jeden gemacht ist

Warum „Kinky Boots“ nicht für jeden gemacht ist

Manchmal verblüffend, oft provokant: ‚Kinky Boots‘ ist ein Musical, das die Grenzen von Tradition und Moderne testet. Begleiten Sie uns auf einer Reise durch eine extravagante, schillernde Welt voller Kontraste.

Vince Vanguard

Vince Vanguard

Manche nennen es revolutionär, andere sehen es als Paradebeispiel für unsere ‚verrückte‘ Welt: das Musical „Kinky Boots“. Basierend auf dem gleichnamigen Film von 2005, brachte es das unvorhergesehene Duo Harvey Fierstein und Cyndi Lauper 2012 mit großem Pomp auf die Bühnen des Broadway. Was passiert, wenn ein gescheiterter Schuhfabrikant und ein exzentrischer Drag-Künstler gemeinsame Sache machen? Man landet mit einem Knall in der Huldigung des Andersseins. Natürlich in Londoner Fabrikhallen und mit Absatzschuhen, die jedem durchschnittlichen Bürger ein verblüfftes Kopfschütteln entlocken könnten.

Nun gut, in dieser schnelllebigen Zeit, wo Traditionen tagtäglich hinterfragt werden, passt dieses Musical wie die Faust aufs Auge. Charlie Price, der Erbe einer maroden Schuhfabrik, und Lola, ein schillernder Drag-Künstler, könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch sie schließen sich zusammen, um eine Linie von extravaganten Stiefeln zu entwerfen und somit beide ihre Probleme zu lösen. Eine klassische ‚Feel-Good‘-Geschichte, die mit viel Tamtam für Toleranz und Selbstakzeptanz wirbt. Doch man kann kaum ignorieren, dass in dieser Revue der Provokationen alte Werte und konservative Normen nicht nur über Bord geworfen, sondern kurzerhand in den Mülleimer getreten werden.

Die Bühnenbilder sind spektakulär — keine Frage. Aber manchmal ist es einfach zu viel des Guten. Die Aufführung, bei der keine Frisur zu hoch und kein Outfit zu glitzernd sein kann, ist bewusst darauf angelegt, die Augen zu schockieren und die Gemüter zu erhitzen. Kreativität? Auf jeden Fall. Doch für jeden Menschen, der klassische Theatertugenden lobt, gibt es auch eine Grenze.

Die Musik von Cyndi Lauper ist ein weiteres sprachgewaltiges Element in diesem feurigen Eintopf. Ohrwürmer par excellence bringen das Publikum zum Tanzen, das aufgeschlossene Publikum jedenfalls. Wer Solide, klassisch und harmonisch arrangierte Musik liebt, wird hier nicht unbedingt begeistert sein. Man könnte es beinahe als Aufruf zu einem ganzen musikalischen Lifestyle definieren. Denn hier ist alles laut, schrill und provokant. Vielleicht ein wenig zu sehr, wenn man eher zurückgezogen lebt.

Was die Charakterentwicklung betrifft, bietet „Kinky Boots“ eine interessante, wenn auch vorhersehbare Wendung. Langweilig? Für einige vielleicht. Das Spektakel konzentriert sich weniger auf eine anspruchsvolle Erzählweise und mehr auf eine bunte Parade an Statements und Ausrufen. Begriffe wie Selbstfindung und Identitätssuche sind allgegenwärtig. Es ist ein Musical, das einen strafferen Handlungsbogen zugunsten einer kühneren Botschaft und einer extrovertierter Darbietung gerne opfert.

Dieses Musical steht stellvertretend für das, was viele als eine der größten kulturellen Metamorphosen dieser Zeit ansehen. Die Vereinigten Staaten haben es mit offenen Armen empfangen, und auch in Londons West End wurde es bejubelt. Doch es wäre zu simpel, es nur als Triumph der Diversität zu bezeichnen. Es ist vielmehr ein Statement derer, die bereit sind, konservative Ansichten zu hinterfragen. Nicht für jeden etwas, könnte man sagen.

Ein Phänomen, das man sich leisten kann, würde die ‚andere Seite‘ anmerken. In einer Welt, in der uns ständig eingetrichtert wird, alles müsse demokratisch und gleich sein, haben Solosänger, Dance-Acts und eine moralische Botschaft ein großes Podium gefunden. Doch nicht jeder ist bereit, mit Anlauf von der Bühne der traditionellen Werte zu springen, und sei es im Namen der Unterhaltung. Kabarettartig wird ein Sinn für alternative Lebensformen zelebriert, womit nicht jeder konform geht.

Letztendlich kann „Kinky Boots“ nur eines von zwei Dingen erreichen: Es inspiriert zu Beifall oder Kopfschütteln. Es zeigt, dass die Zeiten, in denen man einfach nur eine gute Geschichte erzählt, vorbei sind. Stattdessen erhalten wir eine bunte Palette an Lebensgeschichten, die alle um Anerkennung und Akzeptanz kämpfen. Dabei scheint es, dass das Musical all das, was die Liberalen lieben, mit einer solchen Inbrunst zelebriert, dass der Schritt von einem gut inszenierten Spektakel hin zu einer politischen Predigt nur noch ein kleiner ist. Man mag darüber streiten, ob dies der richtige Weg ist, Thematik und Unterhaltung zu vereinen, aber man kann sich nicht über Eins nicht beschweren: Dass es in Erinnerung bleibt.