Wenn das jugendliche Bekenntnis zu wenig politisch korrektem Verhalten unschuldiger klingt als es wohl sein sollte, dann kann man mit Sicherheit sagen, dass 5 Seconds of Summer etwas im Schilde führen. Der Song 'Keine Scham' (No Shame) von der populären australischen Band, die sich aus Luke Hemmings, Michael Clifford, Calum Hood und Ashton Irwin zusammensetzt, erschien 2020 und gehört zum vierten Studioalbum 'Calm'. Dieses Album zeigt ihre musikalische Reife und eine vielschichtige Herangehensweise an gängige Themen. Aber: Warum ist genau dieses Stück so provokant?
Mit 'Keine Scham' rühren die Jungs an der Oberfläche unserer sich schnell ändernden gesellschaftlichen Normen. Der Song ist das perfekte Beispiel dafür, wie man Scheinheiligkeit im Mainstream-Pop entlarven kann. 5SOS kritisieren unseren Hang zu Aufmerksamkeit und Bestätigung. Warum haben wir solch ein Verlangen nach Bestätigung von Leuten, die uns persönlich so wenig angehen? Diese Frage lassen sie bewusst im Raum stehen und zwar so, dass es manchem Hörer schwerfallen könnte, sich nicht ertappt zu fühlen.
Unerwartet für einige, ist 'Keine Scham' irgendwo zwischen schickem Soft-Rock und Pop anzusiedeln. Während linke Kritiker ihren Fokus auf die angebliche Unverantwortlichkeit im Umgang mit sozialen Medien legen, feiern konservative Stimmen den Mut zur Provokation. Immerhin weichen 5SOS von der prätentiösen Perfektion ab, der viele Pop-Acts sich anpassen.
Es ist nicht irgendein Teenie-Song, der die Raves der Nacht oder die Träumerei über die erste Liebe besingt. Doch was ist es dann? Es ist ein Statement, mutig auf der Kante des scharfen politischen Dialogs zu balancieren und unbarmherzig den Finger in die Wunde einer Generation zu legen, die täglich nach Außendarstellung dürstet.
Warum sind viele davon enttäuscht, wenn es weniger um die eigene Errungenschaft als vielmehr das öffentliche Lob dafür geht? Statt Eigenverantwortung auf die leichte Schulter zu nehmen, ziehen 5SOS den Vorhang zur Seite, um eine Welt darzustellen, die voll von gleichermaßen sinnloser wie bedeutender Bestätigung ist. Einige mögen sagen, dass das Lied nicht subtil genug ist; andere empfinden gerade diese Transparenz als befreiend.
Viele junge Erwachsene hören diese Art von Musik, die nicht nur ins Tanzbein, sondern auch in den Kopf geht. 5SOS distanzieren sich klar von einem herkömmlichen, gutbürgerlichen Image und stellen den ungeschminkten Blick auf unsere Gesellschaft in den Vordergrund: gesellschaftliche Akzeptanz ist keine Pflicht, sondern fast ein zwanghaftes Verlangen.
Eines kann man 'Keine Scham' nicht absprechen: Der Song ist sowohl musikalisch als auch textlich auf den Punkt gebracht und bietet genau das richtige Maß an zynischem Charme. Man braucht keine moralische Überlegenheit zu projizieren, um die provokanten Zeilen zu verstehen und zu schätzen.
Auch die Instrumentalisierung verdient eine Erwähnung. Mit eingängigen Gitarrenriffs und atmender Drumline erzeugen 5SOS eine Melodie, die trotz ihres kritischen Themas leicht im Ohr bleibt. Das ist nicht nur clever, sondern auch verdammt effektiv. Je mehr man 'Keine Scham' hört, desto mehr fallen einem die vielschichtigen Details auf.
5 Seconds of Summer setzen dem Mainstream-Pop eine zynische Brille auf. Dadurch ermöglicht der Song, mal kritisch auf die Rolle des Individuums in den sozialen Medien zu schauen. Man kann sich selbst reflektieren, denn letztlich sind wir alle Opfer eines Systems, das wir gerne mit angefeuerten Trends weiterführen. Doch 5SOS scheinen zu betonen: Schaut hinter die glitzernde Fassade, bevor ihr euch selbst verliert.
Insgesamt erinnert 'Keine Scham' uns daran, dass Popmusik mehr sein kann als bloße Unterhaltung. Der Weg dahin? Kein einfacher, aber ein unerschrocken ehrlicher. Vergiss schmeichelnde Melodien ohne Bedacht; manchmal bedarf es Aufrüttelung, um seine eigenen Werte neu zu überdenken.