Joe (1970 Film): Der gnadenlose Spiegel der Gesellschaft

Joe (1970 Film): Der gnadenlose Spiegel der Gesellschaft

Wer braucht schon rosarote Brillen, wenn man hat, was 1970 auf die Kinoleinwand kam? "Joe" ist der Film, der Amerikas soziale Spannungen der 70er Jahre ungeschönt darstellt.

Vince Vanguard

Vince Vanguard

Wer braucht schon rosarote Brillen, wenn man hat, was 1970 auf die Kinoleinwand kam? "Joe" ist das, worüber niemand wirklich sprechen will, außer sie sind bereit für eine explosive und andere Perspektive. Dieser Kultfilm aus den USA, unter der Regie von John G. Avildsen, kam zu einer Zeit auf die Bildschirme, als Amerika mit politischen und sozialen Umwälzungen zu kämpfen hatte. "Joe" wurde am 14. Juli 1970 veröffentlicht und zeigt die andere Seite der Medaille der amerikanischen Gesellschaft. In New York, der pulsierenden, chaotischen Metropole, entfaltet sich die Geschichte um eine unwahrscheinliche Allianz zwischen einem konservativen, arbeitenden Amerikaner und einem wohlhabenden Manager.

Der Titelheld, gespielt von Peter Boyle, stellt einen stereotypen "Everyman" dar, dessen Unmut gegen die sich rasch ändernde Welt um ihn herum in gewalttätiger, nationalistischer Leidenschaft geäußert wird. Joe Curtsin, ein Fabrikarbeiter, hat genug von der Gegenkultur der 60er Jahre, die er für die schwelende Verantwortungslosigkeit und den moralischen Zerfall der Nation verantwortlich macht. Der Plot entfaltet sich, als Joe auf Bill Compton trifft, einen Mann, der die eigene Tochter aus dem Drogenmilieu in Greenwich Village herauszieht und dabei einen schweren Schritt aus Wut tut. Dieser Film entfaltet mit schneidendem Humor und Scharpzungsintelligenz eine Geschichte, die all jene unter einen Stein holt, die sich bequem im Gewohnten verkriechen.

Hier kommt ein Fakt, der linksliberal den Atem rauben könnte: Der Film zeigt, ohne zu beschönigen, die unbequeme Realität der gesellschaftlichen Spannungen der 1970er Jahre. Die Figur von Joe gründet auf einem Stolz, der durch harte Arbeit und familiäre Werte genährt wurde – Begriffe, die heute vielleicht als altertümlich abgetan werden, aber damals die harte Realität für die Arbeiterklasse waren. Gleichzeitig wirft der Film die Frage auf: Was passiert, wenn die Frustrationen der Vergessenen eine Stimme finden? Die Macher tappten hier in keiner Weise in die Falle, einen politisch korrekten Kurs zu steuern.

Es wäre ein Fehler, diesen Film nur oberflächlich als Ausdruck rechter Ideologien zu sehen. Hinter dem ungeschliffen wirkenden Plot verbirgt sich vielmehr eine tiefere Kritik an einer Gesellschaft in der Krise. Wenn man darüber nachdenkt, scheint es heute fast wie eine Prophezeiung über das Missverhältnis zwischen Traditionalismus und erodierenden moralischen Werten, das für viele noch heute relevant ist. "Joe" ist nicht der Film für den Waagegeist, aber sicher einer für denjenigen, der sich traut, die menschlichen Extrema der Zeit zu konfrontieren. Es ist eine kinematographische Erinnerung daran, dass nicht jederjenige, der Fragen über die Richtung stellt, in die eine Gesellschaft sich bewegt, ein Ignorant ist.

Warum ist "Joe" also heute noch einen Blick wert? Erstens, weil er die transzendentale Kraft hat, zu polarisieren und gleichzeitig den Finger auf die tiefen Wunden der Gesellschaft zu legen. Es ist ein Film, der nicht die Geschichte eines Helden erzählt, sondern die Geschichte eines Mannes, der in einem verfahrenen System kämpft. Zweitens, weil er als kulturelles Dokument der 1970er fungiert – im Kern exzellent darin, das Unbehagen einer Nation festzuhalten. Er weckt Emotionen, die längst verschüttet schienen und drängt die Zuschauer, die eigene Realität zu hinterfragen. Das Erbe von "Joe" liegt in seiner gnadenlosen Ehrlichkeit.

Ist Hollywood immer noch dem Mut verpflichtet, den es einst mit solchen Filmen gezeigt hat? Man könnte darüber streiten. Vielleicht trifft "Joe" genau den Nerv von Freigeistern, die einerseits in eine längst vergangene Ära blicken, andererseits jedoch die Parallelen zur gegenwärtigen Welt deutlich sehen. Diese Art von Ausloten ist im heutigen Kino selten geworden. Doch "Joe" stellt den überlieferten Mut der Filmemacher unter Beweis, die keine Angst hatten, heikle Themen direkt anzugehen, ohne das Florett zu zücken.

Also, wenn Ihnen der Sinn nach ein bisschen authentischem, ungeschminktem Americana steht, schauen Sie sich "Joe" (1970) an und entscheiden Sie selbst, ob Gesellschaft zum Progressivismus bereit ist, oder ob sie stattdessen den wütenden Ruf des "Everyman" zurückhalten sollte.