Wer dachte, die 90er Jahre waren nur für Techno-Hippies und elektronische Träumer, der täuscht sich gewaltig. „Grooverider Präsentiert: Die Prototyp-Jahre“, ein Album veröffentlicht 1997 in Großbritannien, steht als Zeugnis einer Ära, die weit mehr tat als nur die Tanzflächen zu füllen. Es zelebrierte jene Prototyp-Jahre mit einem beeindruckenden Sammelsurium an Tracks, die die Drum-and-Bass-Szene aufrüttelten. Auf der Brücke zwischen wilder unterirdischer Szene und dem Mainstream, hausierte der für seine kompromisslose Auswahl bekannte Grooverider als Zeremonienmeister.
Der Protagonist dieser musikalischen Reise, DJ Grooverider, ist mehr als nur ein DJ – er ist ein Pionier der elektronischen Musikszene. Mit „Die Prototyp-Jahre“ brachte er 1997 eine Zusammenstellung heraus, die seinen Einfluss auf die Drum-and-Bass-Welt dramatisch zur Schau stellt. Die 1997er Veröffentlichung von Grooverider wurde sofort zu einem Kultwerk, bei dem die Beteiligten nicht wussten, ob sie sich in einem Science-Fiction-Film oder auf der Tanzfläche befanden.
Wagen wir es, einen Blick auf das faszinierende Universum zu werfen, das Grooverider hier aufbaut. Man muss fairerweise zugeben, Tracks wie ‚Niagra‘ und ‚The Pulse‘ könnten so manchem modernen Hörer als zu brachial erscheinen, doch das ist auch gut so. Denn Musik sollte mehr tun, als nur harmonisch im Hintergrund plätschern – sie sollte herausfordern, provozieren, anregen. Möglicherweise hatten diese Tracks genau das vor, bevor der weichgespülte, politisch korrekte Mainstream den Markt überrollte.
Reinhören lohnt sich allein, um die rohe Kraft und Energie zu erleben. Ein Angriff auf die Sinne, wie es ihn heute selten gibt. Diese Tracks wirken wie ein Weckruf für all jene, die sich in einer hedonistischen Endlosschleife von Mainstream-Belben verlieren. Unverblümt und ungeschliffen, lässt Grooverider keinen Zweifel daran, dass seine Hörerschaft eine gehörige Portion Nervenstärke mitbringen sollte.
Was macht die Faszination hinter „Die Prototyp-Jahre“ aus? Es ist der Reiz des Unfertigen, der Experimentelle, der Treibstoff der Kreativität. In einer Zeit, in der die musikalische Landschaft immer mehr auf wohlgefällige Pop-Tropen beschränkt wird, zeigt dieses Album, dass Innovation den Mut braucht, Risiken einzugehen und auch mal jenseits des Bekannten zu navigieren. Es ist bezeichnend, dass eine solche Kompilation heute, in einer politisch heiklen Ära der Gleichgeschalteten, eher Fragen als schlaue Antworten liefern würde.
Liberale könnten hier die Fäuste recken, doch der konservative Hörer wird erkennen, wie wichtig diese Art von Musik für die Evolution der Kunstform ist. Während der Großteil der heutigen Jugend sich in Wohlfühl-Melodien verliert, bietet Grooverider eine alternative Zuflucht der Unangepasstheit. Wer weiß, vielleicht ist es gerade diese Kompromisslosigkeit, die die Welt der Musik dringend benötigt, um echte Innovatione zu gebären, statt im Sumpf des Durchschnitts zu versinken.
Schauen wir uns die künstlerische Inszenierung an: Ein geradliniger Mix anstatt verwässerter Playlists, die sich darauf beschränken, jedem gefällig zu sein. Grooveriders Trackliste bildet eine Symphonie von der Art von Musik, die nicht in Massenproduktionen passt – und das macht sie so außergewöhnlich. Die rohe Kraft, die hinter den Tracks steckt, deutet auf eine Zeit hin, in der Musiker mehr waren als nur Entertainer – sie waren Visionäre.
Jeder Track eine kraftvolle Explosion, die Neu-Hörer einer Seefahrt auf der Reise ins musikalische Unbekannte gleicht. Angesichts des Recycling-Charakters heutiger Popsongs, ist es erfrischend und nahezu euphorisierend, in eine Welt zurückzutreten, die vor Potenzial platzt und in der Innovation nicht das Ziel einer Fokusgruppe war.
Grooverider zelebriert auf „Die Prototyp-Jahre“ nicht nur den Drum-and-Bass-Genre, er fordert seine Hörer. So tut er etwas, was in unserer times, so gerne auch von der anderen Seite beschworen wird: Er stellt die Normen in Frage, bleibt unbequem und wahrt dabei dennoch künstlerische Integrität. Eine Eigenschaft, die sonst gerne verloren geht, wenn man versucht, gleichzeitig auf jeder Party zu tanzen.
Vielleicht ist der größte Verdienst dieses Albums, dass es die Erinnerung wachhält an eine Ära der musikalischen Rebellion. Eine Zeit, in der Musik noch Grenzen überschreiten durfte und nicht nur für die nächste TV-Werbung geschliffen wurde. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen musikalischen Monokultur, verkörpert Grooveriders Arbeit den unerschrockenen Mut zur Veränderung, den es wieder zu entdecken gilt.