Manche Alben sind Kunstwerke, andere sind wie eine Ladung Kater-Kaffee direkt ins Gehör – und „Goldener Schnitt“ ist definitiv Letzteres. Wer also kritische Kunst liebt, ist hier genau richtig. Dieses Album ist das jüngste Werk des umstrittenen deutschen Rap-Duos Zugezogen Maskulin, das 2023 veröffentlicht wurde. Das Duo, bestehend aus Grim104 und Testo, ist bekannt dafür, die Hip-Hop-Szene mit provokanten Texten und gesellschaftskritischen Themen ordentlich aufzumischen. Veröffentlicht wurde es mitten aus der stürmischen Berliner Kreativszene heraus, mit dem klaren Ziel, sich abseits der Massenkultur und des Mainstreams zu positionieren. Warum? Weil der Mainstream den Mut zur Konfrontation häufig meidet, während Zugezogen Maskulin genau das zu ihrem Markenzeichen gemacht haben.
Egal, ob man sie liebt oder hasst, man kann nicht leugnen, dass Zugezogen Maskulin den Finger genau auf die wunden Punkte der Gegenwart legen. Die „liberalen“ Kritiker mögen über den nihilistischen Blick auf die Gesellschaft die Nase rümpfen, aber was erwartet man, wenn man in einer Zeit lebt, in der Themen oft nur oberflächlich behandelt werden? In einer musikalischen Landschaft, die vor Autotune und Belanglosigkeit nur so strotzt, ist dieses Album eine erfrischende Bombe der Wahrheit.
Aber lass uns die Songs selbst beleuchten. Jeder Track auf „Goldener Schnitt“ eröffnet ein neues Kapitel eines rebellischen Manifests. Der Track „Sommer Vorbei“ ist ein Faustschlag ins Gesicht jener, die die Realität nur in rosafarbenen Farben sehen wollen. Da fehlt gar nicht mehr viel und man fühlt sich an die kalten Novemberregen deutscher Bahnhöfe erinnert. Die Idee des Sommers, immer glücklich, immer sonnig, wird ausgelöscht von der kalten Wahrheit: Der Herbst ist der Vorbote der bitteren Realität.
Zugezogen Maskulin stehen für klare Ansagen. Das Album ist voll von kritisch scharfen Kommentaren, die sich mit aktuellen Entwicklungen auseinandersetzen; sei es die wachsende sozialökonomische Kluft oder die Verblendungen durch soziale Medien und Fake News. „Graffiti der Statistik“ ist hier ein Paradebeispiel – ein Track, der die oberflächliche Popularität der Daten und Zahlen in unserer Erlebnisgesellschaft hinterfragt. Mit diesem Song wird jedem klar, dass ein bisschen mehr Zahlenkenntnis nicht überall Hoffnung und Optimismus verbreiten kann.
„Rotkäppchen“ ist nicht einfach nur ein weiterer Versuch, eine alte Geschichte neu zu erzählen, sondern eine beißende Kritik an der scheinheiligen Moral einer ganzen Gesellschaft. Das Duo zeigt mit diesem Titel, dass sie sich nicht scheuen, Symbole der traditionellen Geschichten einzureißen und mit neuen Nuancen zu füllen. In dieser Art von musikalischer Neugestaltung spiegeln sich nicht nur die Klänge, sondern auch der Mut, gewohnte Pfade zu verlassen und etwas Unberechenbares zu wagen.
Was vielleicht das Wichtige an „Goldener Schnitt“ ist, sind die Beats – vielleicht nicht jedermanns Sache, aber genau das ist der Punkt. Postmoderne Klänge, die eine Mischung aus aggressivem Hip-Hop und elektronische Einflüsse mit sich bringen. Die instrumentalen Komponenten sind genauso roh und unverblümt, wie es die Lyrics selbst sind. Gerade für diejenigen, die der glattgebügelten Radiounterhaltung entfliehen wollen, bietet „Goldener Schnitt“ eine auditive Alternative, die unkonventionell und tiefgründig ist.
Intellektuelle Kopfzerbrecher treffen auf rhythmische Experimente und keiner dieser Tracks zieht sich zurück, um der Bequemlichkeit Platz zu machen. Zugezogen Maskulin hat sich nie damit zufrieden gegeben, angepasst oder berechenbar zu sein. Der „Goldene Schnitt“ bring ihren Anspruch, die Dinge ehrlich und direkt anzugehen, einmal mehr auf ein ansprechendes Niveau.
Vielleicht muss man manchmal der Realität direkt ins Auge schauen und erkennen, dass es eine gewisse Schönheit in ihrer rohen Form gibt. Zugezogen Maskulin fordern uns heraus, genau das zu tun, und „Goldener Schnitt“ ist die perfekte Manifestation dieses Mutes.