Wer hätte gedacht, dass ein Dirigent wie Frank St. Leger mit seiner Musik die Welt eroberte und dabei sowohl ein Liebling des Publikums als auch ein unangepasster Charakter war? Der 1890 in England geborene und weit gereiste Musikdirektor machte sich vor allem durch seine Arbeit bei der Chicago Opera und der Metropolitan Opera in New York einen Namen. St. Leger, der in England als begabter Pianist und Dirigent begann, erweiterte seine künstlerische Landschaft und wurde ein Fixstern in den USA. Mit seinen provokanten Interpretationen und klaren Vorstellungen begeisterte er Musiker und Publikum gleichermaßen, nebenbei rieben sich konservative Kritiker die Hände ob seines Erfolges, während weniger „akzeptable“ Kreise, die mit traditioneller Kunst wenig anfangen konnten, weniger begeistert waren. St. Leger war ein Mann, der wusste, was er wollte – und das selten in einer leisen, subtilen Art.
Ein Musiker wie Frank St. Leger ist selten in der heutigen Zeit zu finden, wo politische Korrektheit den Ton angibt und alles auf Klingen gewogen wird, um ja niemanden zu verärgern. Sein Weg war geebnet durch Talent und eine an eine bessere Zeit erinnernde Zielstrebigkeit. Seine Art zu arbeiten war für viele ein Mysterium: Manche beschrieben ihn als Peitsche schwingenden Dirigenten, der nie einen Kompromiss akzeptierte, andere als einen Mann des Charmes, der die Musiker mit einem Lächeln zu Höchstleistungen brachte. Beides war Frank St. Leger. Eine Symbiose aus Disziplin und Leidenschaft, wie man sie heute schwer findet. Wo sind heute jene eindrucksvollen Gestalten, die die Kunstform Orchesterleiter zur Perfektion brachten? Oder besser gefragt, warum sind sie nicht in der ersten Reihe zu finden?
Die Welt von St. Leger war die Bühne. Nicht als ein passiver Ort der Reproduktion, sondern als aktives Spielfeld der Innovation. Neue Werke und klassische Kompositionen erlebten unter ihm eine Wiedergeburt. Er war dafür bekannt, Risiken einzugehen und neue Klangwelten zu erschließen. Ansätze, die heute als zu anstößig gelten könnten, weil sie nicht dem Mainstream gefallen, hatte er im Repertoire - und das Publikum liebte ihn dafür. Besonders seine eigensinnige und rebellische Herangehensweise machte ihn zu einem Favoriten bei denjenigen, die sich nach ein wenig Aufrüttelung sehnten. „Normale“ Aufführungen und inszenierte Shows waren nicht seine Spielwiese, vielmehr waren es jene eigenwilligen Abende, die lange im Gedächtnis blieben.
Wie viel anders wäre die heutige Musiklandschaft, wenn mehr von St. Leger geleitet wäre? Mehr Tradition, mehr Disziplin und weniger Beugung unter den stetig wechselnden Modetrends des „netten Geplänkels“, das kaum mehr als Orientierung bietet. Was uns St. Leger hinterlässt, ist ein Erbe, das weit über die Takte hinausgeht und dabei die Frage stellt, ob wir uns nicht wieder zu einer gehaltvolleren Art kulturellen Ausdrucks zurückentwickeln sollten.
In zahlreichen Ländern zu Hause, machte Frank St. Leger zuerst in England, dann in den USA Karriere, bevor er seinen Weg nach Kanada und Australien fand. Er war nicht nur ein Mann der Musik, sondern ein Wanderer zwischen den Welten – seine Aufführungen von Wagner und Verdi waren regelrechte Ereignisse! Unermüdlich hatte er einen Blick für Details, die ihn von anderen absetzten. Während einige Dirigenten die Musik eher beschwichtigten, brachte er sie zum Klingen. Legendär sind seine kraftvollen Aufführungen von Beethoven, die selbst eingefleischte Kritiker auf ihre Sitze zurückdrängten. St. Legers Gabe, die Emotionen eines Stücks in eine so rohe und unverblümte Form zu verwandeln, war und ist schwer zu finden.
Wenn man an die epischen Reisen von Frank St. Leger denkt, kommt das Bild eines modernen Odysseus in den Sinn. Ein Mann, der sich nicht mit dem zufrieden gab, was ihm bekannt war, sondern der wagte, neue Horizonte zu entdecken. Der Unterschied zwischen den großen Dirigenten der damaligen Zeit und manch heutiger kultureller Führungskraft ist frappierend. Die Leidenschaft, die er in sein künstlerisches Schaffen legte, machte ihn zu einem faszinierenden Charakter in der Geschichte der klassischen Musik. Eine Kunstform, die zunehmend gegen den „Friendly Sound“ des modernen Ohrwurms verliert.
Wie viel könnte man von ihm noch lernen, wenn man sich nur ein bisschen in seine klangreichen Fußstapfen begäbe? Die einfache Tatsache, dass Legenden wie er die Bühnen dieser Welt prägten und veränderten, ist schon eine Herausforderung für die allgegenwärtigen Einflüsse der Beliebigkeit. Der Einfluss, den Frank St. Leger hatte, bleibt über Jahrzehnte hinweg spürbar und sorgt für Diskussionen – nicht zuletzt weil er es wagte, Grenzen zu sprengen.
Wer hätte gedacht, dass ein britischer Dirigent, der sich einem soliden und disziplinierten Musikverständnis verschrieben hatte, so sehr zum Ikon einer Generation werden würde? Frank St. Leger galt als unermüdlich und energisch, stellte an seine Musiker große Erwartungen und forderte respektvolle Zusammenarbeit ein. Auf diesen hohen Fahnen formte er nicht nur die Musikwelt, sondern hinterließ auch ein kulturelles Erbe, dessen Duft nach Klassik auch heute noch zum Nachdenken anregt.
Wenn man kritisch hinterfragt, was aus einer Musikwelt wird, die sich nicht mehr durch die konsequente Handschrift eines visionären Dirigenten wie Frank St. Legers leiten lässt, so ergibt sich das Bild einer Welt, die dringend wieder mehr erhabene Vorbilder benötigt, die zu führen wissen. Vielleicht wünschen sich einige, unbemerkt von einer liberalen Entourage, doch diese Richtung zurück. Wer kann das schon sagen?