Wenn Du denkst, Marvel's Doctor Strange begann erst mit Benedict Cumberbatch, dann hast Du noch nicht die köstlich schrullige Perle des Jahres 1978 gesehen. In einer dekadenten Zeit, in der die Disco-Welle und die Flower-Power-Slogans das Kinobild prägten, tauchte ein etwas anderer Superheld aus der Unterwelt der TV-Filme auf. In der Hauptrolle Peter Hooten als Dr. Stephen Strange bringt dieser damals von CBS ausgestrahlte Film nicht nur Magie, sondern auch eine gehörige Portion Nostalgie mit sich. Gedreht wurde in Los Angeles, dieser kryptische Zauberfilm war ein Versuch, eine Live-Action-Serie zu starten, die sich jedoch leider nie manifestierte.
Der Film folgt dem Neurologen Dr. Strange, einem Arzt, der plötzlich unfreiwillig in eine Welt voller Magie und Mystik hineingerissen wird. Von der Ästhetik her könnte man sagen, dass die 70er-Jahre allüberall präsent sind. Hippie-Einflüsse trifft man nicht nur in den Kostümen, sondern auch in der lockeren, beinahe avantgardistischen Atmosphäre. Und während man vielleicht meinen könnte, dass sein magisches Abenteuer lustig und wunderbar fantastisch ist, gibt es ernsthaftere Themen, die tiefer gehen und oft übersehen werden.
Es mag überraschen, aber die politische Ebene des Films ist weit intensiver, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Im Herzen steht die Idee der individuellen Freiheit und der Kampf gegen Unterdrückung – sowohl durch äußere Mächte als auch durch innere Dämonen. In einer Zeit, in der Hollywood zunehmend dem linken Mainstream zum Opfer fällt, war dies ein eher konservativer Ansatz: Der Fokus auf Selbstbestimmung und persönliche Verantwortung scheint viele moderne Erzählungen zu erschüttern, die sich eher auf kollektive Identität konzentrieren.
Ebenso bemerkenswert ist der Einfluss des Films auf die moderne Popkultur, trotz oder vielleicht gerade wegen seines relativ geringen Erfolges bei seiner Ausstrahlung. Der Look und die Atmosphäre könnten einige moderne Produktionen beeinflusst haben, die sich mit Themen wie Magie und alternative Realitäten beschäftigen. Der 1978er Dr. Strange könnte sogar als Vorläufer der modernen Interpretation von Charakteren betrachtet werden, die weit über das einfache Heldentum hinausgehen. Es ist eine Schande, dass der Film im Vergleich zu seinen kommerziellen Marvel-Cousins wenig Beachtung findet, denn er bietet mehr Tiefgang als manch glitzernde Blockbuster unserer Zeit.
Ein weiterer faszinierender Aspekt des Films ist seine Darstellung von Gut und Böse. Statt einer eindimensionalen Sichtweise wird der Zuschauer eingeladen, über die grauen Zwischentöne nachzudenken. Der Bösewicht Morgan Le Fay, gespielt von Jessica Walter, bietet eine antagonistische Haltung, die an das ewige Ringen zwischen Tradition und Fortschritt erinnert. Le Fay symbolisiert Opposition, nicht nur in der magischen Welt, sondern oft auch in politischer Hinsicht.
Verglichen mit der heutigen Tendenz, Gut und Böse als schwarz und weiß darzustellen, war Dr. Strange (1978) seiner Zeit vielleicht voraus, indem es seine Zuschauer dazu animierte, kritisch zu denken und nicht einfach alles zu glauben, was Zeitgeist und Dogma vorgeben. Der Film forderte den Mut, über den Tellerrand hinauszublicken, magische oder nicht. Es ist die Art von Unterhaltung, die heutige Kinoketten vermissen lassen – Filme, die nicht nur fesseln, sondern tatsächlich zum Nachdenken anregen.
Wie so oft in der Hollywood-Maschinerie wird ein Film allerdings nicht nur am Inhalt, sondern auch an seinen Machern gemessen. Die Regie führte Philip DeGuere, ein Mann, der später mit "Simon & Simon" Erfolg haben sollte. Seine Arbeit an Dr. Strange zeigt Mut zur Innovation und eine auffallende Technikaffinität, die sich in der genialen Nutzung der damaligen Möglichkeiten manifestiert.
Auch wenn Dr. Strange (1978) kein kommerzieller Durchbruch war, bleibt er ein erfreuliches Relikt, das bis heute seine Fans hat – vielleicht gerade, weil er nicht der massentaugliche Superheld ist, den wir heute aus den Multiplex-Kinos kennen. Es ist ein Film, der es wert ist, gesehen, besprochen und geschätzt zu werden; nicht zuletzt, weil er erinnert, dass Unterhaltung auch Tiefe und Intelligenz besitzen kann. Der ungenutzte Raum, den dieser Film offenbart, bietet Raum für Spekulationen darüber, wie die Geschichte hätte weiter gestaltet werden können.
Mit all diesen Gründen im Kopf bleibt Dr. Strange (1978) eine wunderbare Fundgrube filmischer und philosophischer Gedankenwelten. Es ist ein Film, der standhaft in seiner Konservativität einsteht – und das nicht nur, um den Nostalgikern unter uns zu gefallen, sondern um deutliche und provokante Punkte über die Bedeutung von Freiheit und Struktur zu liefern. Das kann man von vielen modernen Filmen nicht behaupten.