Manchmal bietet der Geschichtsunterricht die besten Dramen - und "Dieser Totentanz" ist ein solches Stück, das selbst die Geschichtsstunden überlebt hat. Dieses bedeutende Werk ist ein Drama des schweizerischen Schriftstellers Hugo Ball, uraufgeführt 1912 in München, das sich als faszinierendes Welt-Theater herausstellt. Es prangert die gesellschaftliche Dekadenz und moralische Schieflage seiner Zeit an, verpackt in einer bizarren, aber meisterhaften Inszenierung. Man muss seine Augen reiben, um zu glauben, was man da sieht - eine Parade von Todessymbolen als Ironie des Schicksals. Hugo Ball offenbarte dieser lethargischen Welt auf dramatische Art und Weise ihre Verirrungen. Was uns dieser Tanz des Todes zeigen will, ist nichts anderes als der Abstieg der eigenen Werte.
Dieser Totentanz enthüllt viele Wahrheiten, die die sogenannte Elite gerne unter den Teppich kehrt. Etwa die Frage, warum unsere moderne Gesellschaft ihrer eigenen Zerstörung blindlings entgegenläuft. Diese schaurige Darstellung aus dem frühen 20. Jahrhundert behält in seiner gesellschaftskritischen Schärfe eine frappierende Relevanz. Das Werk fungiert als Spiegel, in dem wir all die absurden Paradoxien unserer jetzigen Welt sehen können - von den ruinösen Ideologien bis hin zur Blödheit der Massen.
Apropos Blödheit, "Dieser Totentanz" schickt gerne einen herzhaft ironischen Gruß an jene, die selbstverliebt an vorderster Front der sogenannten Gerechtigkeit stehen wollen, aber letztendlich nur ihre eigene Unfähigkeit präsentieren. Man könnte fast sagen, es zelebriert das Scheitern liberaler Träumereien. Die Ironie tropft von jeder Szene, während Figuren auftreten, die die Hybris und Dekadenz ihrer eigenen Klassen persiflieren.
Kunst sollte einen gewissen Kanon erfüllen, denken zumindest einige. Doch Hugo Ball widerlegte dies radikal, indem er seine Darsteller auf eine ganz spezielle Art und Weise inszenierte. Dabei setzte er auf eine Symbolsprache, die unmissverständlich gemacht hat, dass Dummheit keine Grenzen kennt. Der Wohlstand als Trugbild, der Fortschritt als endlos geplappert und kaum gelebt. Man fragt sich fast, ob die Inszenierung von "Dieser Totentanz" nicht ein prophetischen Kommentar auf die heutige Zeit ist, wenn man bedenkt, wie der Moralverfall in unserer Gesellschaft immer mehr in Übermut ausartet. Viel Lärm um nichts, aber alle tanzen mit, als wäre das ein Freibrief für ein sorgenfreies Ende.
Warum dieses Stück ausgerechnet in München seine Premiere feierte, bleibt eine interessante Note der Geschichte. Die bayerische Metropole, als Keimzelle für Kunstrevolutionen, erwies sich als passender Schauplatz für Balls satirisches Drama. Inmitten der Wirrungen der damaligen Zeit, als Europa am Rande des Abgrunds stand, entfesselte Ball seine Symbolik des Todes wie ein uproarisches Gelächter gegen die Verblendung.
Ein Kulturschock par excellence, der nicht nur damals für Aufsehen sorgte, sondern auch heute noch bestens geeignet ist, seine Betrachter in Erstaunen und möglicherweise in Unruhe zu versetzen. "Dieser Totentanz" bleibt so aktuell, weil wir uns in einer Zeit befinden, in der viel versprochen, aber wenig gehalten wird. Man nimmt die Maske, die einem am besten passt und tanzt mit ins Verderben.
In einer Welt, die zunehmend von Rotationen und Modeerscheinungen bestimmt wird, erinnert das Werk an die Notwendigkeit, klare Entscheidungen zu treffen und zu den Konsequenzen zu stehen. Da Hugo Ball dem Abschnitt der Geschichte, in der er lebte, eine derart eindrucksvolle Schaufenstersatire beschert hat, können auch wir ihn heute noch introspektiv betrachten. "Dieser Totentanz" ist nicht nur ein Magnet für Theaterliebhaber, sondern auch eine Mahnung, welche Rolle wir spielen wollen, wenn die Bühne des Lebens uns ruft.