Inmitten der romantisierten Geschichten unserer Gegenwart, in der die Naiven das Gute in der Welt nur allzu oft überschätzen, gibt es eine literarische Figur, die alles was linke Fantasien über eine gerechte Welt infrage stellt: 'Das Krokodil' von Fjodor Dostojewski. Veröffentlicht im Jahr 1865, erzählt diese Erzählung von einem Beamten, der von einem Krokodil verschlungen wird, sich jedoch lebendig im Magen des Tieres weiter behauptet. Der Schauplatz ist das zaristische Russland, während die Handlung auf beinahe satirische Weise die damalige bürgerliche Doppelmoral kritisiert.
Wer aber glaubt, 'Das Krokodil' sei lediglich eine Satire über das Russland des 19. Jahrhunderts, der verkennt die prophetische Dimension dieses Werkes. Warum? Weil es die realitätsferne Berufung auf ideologische Konzepte, die sich nicht mit der starren Natur der menschlichen Existenz vereinbaren lassen, offensichtlich macht. Die Linke, mit ihrer allumfassenden, weltverbessernden Rhetorik, wird durch Dostojewskis bissigen Humor entlarvt.
Erster Punkt: Die Menschheit ist nicht so idealistisch wie es manche gerne hätten. Während die liberalen Träumer von einer besseren Gesellschaft schwadronieren, hält Dostojewski der Menschheit den Spiegel vor und zeigt, dass selbst die edelsten Ziele durch das Streben nach Macht und Selbstsucht korrumpiert werden können. Der Beamte, der sich so wohl im Bauch des Krokodils eingerichtet hat, repräsentiert genau den Menschen, der sich mit den Unzulänglichkeiten seiner Umgebung anfreundet, statt gegen sie anzugehen.
Zweitens: 'Das Krokodil' ist eine Einladung, die sogenannte „kulturelle Elite“ anders zu betrachten. Wenn Illarion, der Protagonist, sich seinem Schicksal ergibt und es als Erfüllung seiner Pflicht ansieht, im Krokodil zu verharren, dann wird der Leser mit der erschreckenden Annahme konfrontiert, dass Mittelmäßigkeit im Dienst einer höheren Sache plötzlich zur Tugend erklärt wird. Dies ist eine Zurechtweisung an all jene, die im Namen von Idealen bereit sind, ihre Grundüberzeugungen über Bord zu werfen.
Drittens: Der Roman entlarvt die gefährlichen Auswüchse eines übermäßigen Forschungsdrangs. Während wir heute für Technologiefortschritt trommeln und dabei die menschliche Komponente vergessen, mahnt uns 'Das Krokodil' zur Vorsicht. Blindes Vertrauen in vermeintliche Wissenschaft ohne Rücksicht auf die menschliche Seite der Existenz kann in einem Desaster enden, vergleichbar mit einem Beamten, der im Krokodil sichergestellt werden muss.
Viertens: Das Kapitel der gesellschaftlichen Absurditäten. Dostojewski schafft es meisterhaft, die Absurditäten der Gesellschaft zu offenbaren. Gerade weil Illarion im Magen des Krokodils lebt und arbeitet, schafft Dostojewski ein Bild der dekadenten Gesellschaft im zaristischen Russland. Dies ist keine bloße Kritik an Russland, sondern eine universelle, die in jeder Epochenordnung relevant bleibt.
Fünfter Punkt: Der tiefe Sarkasmus Dostojewskis erinnert uns daran, wie schnell man sich an Widrigkeiten gewöhnt. Der verzehrte Beamte Illarion zeigt auf grotesk unterhaltsame Weise, dass Menschen sich bestens mit den unvernünftigsten Gegebenheiten abfinden können. Vielleicht ist es genau dieser zynische Ansatz, der den Realismus in die heutige „Post-Wahrheits-Ära“ bringt.
Sechstens: Der Mut, Ideale zu hinterfragen. 'Das Krokodil' lehrt, dass es manchmal nötig ist, die gängigen Ideale zu überdenken und dabei keine Angst vor dem Unbekannten zu haben. Offenheit für Kritik und der Blick hinter die Fassade sind Wege zu einer gerechteren Wahrnehmung.
Siebtens: Die Rolle der Medien im Spiel um die Wahrheit. Wann ist ein Ereignis wirklich geschehen? Wer legt fest, was wahr und was falsch ist? In 'Das Krokodil' sehen wir, wie Informationen manipuliert werden können, um eine bevorzugte Wahrheit zu präsentieren – ein zentrales Thema in unserer heutigen Medienlandschaft.
Achtens: Die Kluft zwischen Helden und Antihelden. Während die einen mutlos und zynisch im Bauch des Krokodils figürlich sterben, versuchen andere wenigstens ansatzweise, den Fängen der Natur zu entkommen. Vielleicht reflektiert dies am besten die Verzweiflung vieler, die in unserer heutigen Welt 'außerhalb' des Krokodils zu bleiben versuchen.
Neuntens: Der diskrete Charme der Inkompetenz: 'Das Krokodil' kritisiert diejenigen, die trotz offensichtlicher Unzulänglichkeiten einfach weitermachen und für die absurdesten Verhältnisse rationale Erklärungen finden. Dies ist eine deutliche Erinnerung daran, dass man ab und zu die eigene Kompetenz hinterfragen sollte, anstatt sinnlose Entscheidungen weiterzuführen.
Zehntens und letzter Punkt: Das Krokodil als Symbol für die mörderischen Einflüsse von Ideologien. In der modernen Welt, in der die innerlichen Spannungen zwischen unterschiedlichen Ideologien zu Polarisierung und Fragmentierung führen, zielt Dostojewski genau auf den Punkt. Er erinnert uns daran, dass wir nicht in jedes „Reptil“ tappen sollen, das uns lockt, solange wir an der Illusion festhalten, dass es uns nicht verschlingen wird.