Warum die düstere Welt von “Carmilla” in der heutigen Zeit nicht nur Aufsehen erregen sollte, sondern auch gewisse Diskussionen entfachen kann? Erzählt mit unverblümter Gothic-Dramatik und einer Prise literarischen Schauerromans, hat Joseph Sheridan Le Fanu 1872 mit “Carmilla” ein Werk geschaffen, das bis heute an Aktualität kaum einzubüßen scheint. Angesiedelt in einer unbestimmten Zeit im 19. Jahrhundert, schenkt Le Fanu uns eine vampirische Geschichte, die die Konventionen seiner Zeit auf den Kopf stellt, indem sie im verborgenen seelische und körperliche Abgründe ergründet.
Die meisten werden beim Stichwort „Vampirroman“ wohl gleich an Bram Stokers „Dracula“ denken, doch „Carmilla“ kam ihm um ganze 25 Jahre zuvor. Die Geschichte spielt in einem alten Schloss in der Steiermark, einer ländlichen Region, die wunderbar den Rahmen für die unheimlichen Begebenheiten bietet, die uns in die schwermütige Aura der Protagonistin Laura mitreißt. Diese ist eine junge Frau aus gutem Hause, perfekt situiert, um ein Leben ohne große Sorge zu führen. Doch rasch ziehen dunkle Wolken auf, als die mysteriöse und atemberaubend schöne Carmilla in ihrem Leben aufkreuzt. Das alles spielt sich zu einer Zeit ab, als Backsteinbauten und Zinnsoldaten den Alltag bestimmten, und plötzlich wird die verstörende Anziehung zwischen den beiden Frauen bildlicher Ausdruck eines sozialen Umbruchs.
Aber ist „Carmilla“ wirklich nur eine simple Schauergeschichte? Für konservative Gemüter gibt es mehr zu entdecken als solche, die sich dem Zeitgeist blindlings anschließen. Carmillas vampirische Natur steht nicht nur für das Übernatürliche, sondern auch als Allegorie für Aspekte, die sich in unserer Gesellschaft langsam breit machen – Dekadenz und moralisches Chaos, Verwirrung und die Auflösung traditioneller Werte. Es ist eine toxische Mischung von verbotener Liebe und unterschwelliger Versuchung, eingewoben in den literarischen Plot, als wolle Le Fanu eine Warnung aussprechen.
Der Gothic-Klassiker spielt mit der Dualität von Anziehung und Gefahr, so wie klassische Konservative das tut, was richtige Literatur vermag: Sie sieht politische und soziale Herausforderungen voraus. Der Roman verwebt eine Geschichte von Lust und Kontrolle, die im viktorianischen England nur versteckt ausgesprochen werden konnte. Spannend ist auch der Aspekt der umgekehrten Geschlechterrollen: Carmilla ist nicht das typische weibliche Opfer, sondern die machtvolle, einflussreiche Figur. Sie lenkt das Geschehen und bringt damit andere dazu, ihre Glaubensmuster zu hinterfragen.
Für all jene, die Angst haben, dass traditionelle Werte durch moderne Einflüsse erodieren, könnte „Carmilla“ eine Art Mahnung darstellen. Die korrupte, hemmungslose, teils gewaltsame Leidenschaft, die im Vordergrund steht, ist ein Symbol für die Zerrüttung einer Gesellschaft, die sich von ihrer Basis entfernt hat. Hier wird ein Fragezeichen über die Gesellschaft aufgehängt, das nicht nur das viktorianische Zeitalter erfasst, sondern bis in die heutige Zeit nachhallt – mit Carmilla als gewinnende Symbolfigur, die das Chaos personifiziert.
Man könnte sagen, dass wenn wir „Carmilla“ in modernen Kontext rücken, unsere aktuelle Besessenheit mit Moralität und Genderfragen kaum übersehen werden kann. Liberale Strömungen, die alles auf den Prüfstand stellen und keine Traditionslinie heilig halten, finden hier ihr literarisches Spiegelbild der Nase nach – gefundene Fressen für die gesellschaftliche Dekonstruktion.
In einer Zeit, in der Authentizität über Geschlechterfragen und persönliche Freizügigkeiten uneingeschränkt propagiert wird, erinnert uns „Carmilla“ daran, welche Abgründe ein allzu freier Umgang mit den Normen und Traditionen öffnen kann. Und genau diese erschreckende Aktualität macht den Roman wortwörtlich unsterblich. Statt aber in einem Dasein als poetisches Puzzle zu verschwinden, verdient es der Roman, als das behandelt zu werden, was er ist: Ein fein gestricktes Werk, dessen Widerhall in der heutigen Zeit nichts seichter geworden ist, sondern im Gegenteil: Eine narrative Mahnung, dass einige alte Werte ihren Platz beibehalten sollten.