In einer Welt, in der Multikulturalismus und Offenheit als die höchsten Ideale gelten, bringt der libanesische Film Capernaum von Regisseurin Nadine Labaki aus dem Jahr 2018 eine Realität ans Licht, die gerne ignoriert wird. Capernaum spielt in den chaotischen Straßen von Beirut und erzählt die fiktive Geschichte eines 12-jährigen Jungen namens Zain, der seine Eltern verklagt, weil sie ihn in eine Welt voller Missbrauch und Armut gebracht haben. Diese absurde Prämisse mag sich hervorragend für ein Arthouse-Kino eignen, ignoriert jedoch geflissentlich die sozialen und kulturellen Wurzeln, die dieses Elend bedingen.
Erstens, wer hätte gedacht, dass man die Lösung für alle Weltprobleme in einen Kinosaal verpacken kann? Capernaum bietet eine geballte Ladung Emotionen, die darauf abzielen, das Mitleid auf den Höhepunkt zu treiben. Der junge Zain, gespielt von Zain Al Rafeea, verkauft sich und seine Seele, nur um seinem schrecklichen Lebensumfeld zu entfliehen. Hollywood-Liberale lieben solche Filme, weil sie die westliche Welt als unschuldigen Betrachter darstellen, der emotional berührt den Kinosaal verlässt.
Ein weiteres Problem mit Capernaum ist die Vereinfachung eines komplexen Systems. Alles ist so schwarz-weiß. Die Bösen sind eindeutig als die Eltern und die Gesellschaft markiert. Es ist leicht, mit dem Finger auf sie zu zeigen, aber schwer, die Verantwortung zu übernehmen. Labaki zeigt eine Welt, wo Eltern ihre Kinder aus Verzweiflung in die Arbeit schicken. Doch warum fragt sich niemand, warum es in den Millionen Hilfsgeldern steckt, die oftmals fehlgeleitet oder von korrupten Regierungen missbraucht werden?
Die visuelle Sprache des Films mag poetisch sein, aber sie hat keine Antwort auf politische und kulturelle Herausforderungen. Zain klagt gegen seine Eltern an, aber wer klagt gegen die Systeme, die solche Verhältnisse dulden? Filme wie dieser suggerieren, dass der Westen als ein moralischer Retter auftreten sollte, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie westliche Interventionen oft mehr Schaden anrichten, als sie Lösungen bieten.
Und dann gibt es da noch das Thema der Migration. Capernaum symbolisiert für einige den globalen Kampf gegen die Unterdrückung. Doch wie praktisch, wenn man ein Einzelschicksal universalisieren kann, ohne über den kulturellen Kontext zu sprechen. Dass Migration in ungebremster Form nicht die Lösung für globale Probleme sein kann, wird galant unter den Tisch gekehrt.
Das Schauspiel der Kinder ist bemerkenswert, ja, aber es lenkt nicht vom eigentlichen Kritikpunkt ab: Emotionale Manipulation. Labakis Ansatz ist sowohl simplistisch als auch heuchlerisch. Wenn einem Zuschauer nichts als Traurigkeit bleibt, aber keine Lösungen oder kritische Auseinandersetzungen angeregt werden, dann bleibt Capernaum nichts weiter als ein Weckruf, der verhallt.
Nicht zu vergessen der lachhafte Versuch, die westlichen Zuschauer mit Schuldgefühlen zu belasten. Die Realität ist, dass das Problem von Armut und Misshandlung nicht durch die Projektion von Elend auf einer Leinwand gelöst wird. Getrieben von einer liberalen Elite, die sich gerne an einem Buffet der Emotionen labt, steht der Film als Mahnmal dafür, dass Theatralität über Inhalt gestellt wird.
Kurz um: Capernaum hat seine Oscar-Nominierung 2019 nur dank seiner emotionalen Wucht erhalten. Ein filmisches Meisterwerk? Kaum. Es ist eine Erinnerung daran, wie man mit ein wenig Nostalgie und viel Tränendrüsendrückerei ein festgefahrenes Ideenkonstrukt am Leben hält. Ja, leben Sie mit den Emotionen, aber lassen Sie den Verstand nicht außen vor. Der Film zeigt uns nicht die wahre Lösung, sondern vielmehr ein globales Symptom auf einer großen Leinwand.