Wer meint, der Wilde Westen sei nur eine amerikanische Angelegenheit, hat wohl noch nie von "Auf dem Pfad der Gesetzlosen reiten" gehört – ein deutscher Western-Roman von Rainer Schmidt, der seit seinem letzten Erscheinen jede Menge Staub aufwirbelt. In dieser fesselnden Geschichte trifft man auf einen mutigen Cowboy, der im Deutschland der 1880er Jahre gegen die modernen Konventionen rebelliert und dabei auf Widersacher trifft, die nichts unversucht lassen, um ihre liberalen Ideen zu verteidigen. Deutschland, so könnte man meinen, sei nicht das passende Terrain für Schildzüge im Cowboy-Stil. Aber während die Welt sich mit einem Hauch von Nostalgie an den Charme der Goldenen Stunden des Wilden Westens erinnert, bringt dieser Roman das Gefühl von Freiheit und Abenteuer direkt nach Europa.
Was macht diesen Roman zu einem Magneten für konservative Leser? Ich werde es euch sagen: Da ist zunächst der Held, der eine erfrischend traditionelle Sichtweise auf sein Leben hat. In einer Zeit und einem Ort, wo Mut oft eine weiche Metapher für einen Trugschluss ist, trotzt der Protagonist dem Druck und erobert seine Freiheit. Richtig gehört, persönliche Freiheit. Kein Gemetzel an der Geduld, keine vorsichtige Annäherung, sondern Klarheit und Entschlossenheit im Angesicht der Herausforderungen. Tut man das heute noch? Eher selten. Und genau deshalb zieht die Geschichte: Sie erinnert an eine Zeit, in der der Mann seine Welt selbst formte – heute eine Seltenheit.
Die Handlung nimmt uns mit auf eine Reise von deutschen Kleinstädten bis hin zu den schroffen Grenzen der damals noch jungen Reichseinheit, ein seltener Schauplatz für rebellische Auseinandersetzungen. Der Roman propagiert ein Amerika, das nicht nur geografisch, sondern auch ideologisch eine Rolle spielt. Deutschland als wilder Westen mag befremdlich wirken, aber erzählerisch ergibt es perfekten Sinn. Schmidt legt die verschlungenen Pfade zwischen Tradition und Moderne offen, in einer parabolischen Darstellung, die einen Rückblick auf eine aggressive Art von Freiheit suggeriert, die mit heutigen überregulierten Gedanken kaum noch etwas zu tun hat.
Ein weiteres provokatives Element ist der Umgang des Protagonisten mit der ihm entgegengebrachten Feindseligkeit. Es gibt in diesen Seiten keine Verbeugungen oder geschickte Wortspielereien, um die Gesellschaft wie Seifenblasen zu umschmeicheln. Nein, hier herrschen eine unverblümte Ehrlichkeit und das Streben nach einem Grad von Unabhängigkeit, den man im eingefahrenen Kurs der Gegenwart selten sieht. Der Cowboy hat sich nichts von akademisch formuliertem Getue angeeignet; er handelt kompromisslos, direkt und ohne den verwaschenen Kompass moderner moralischer Predigten.
Manche Kritiken behaupten, diese Erzählweise bilde ein unangenehmes Nest für folgende Debatten, aber in Wirklichkeit ist es eine literarische Frischzellenkur für konservative Gedanken. Nicht, dass jemand über die Grenzen hinaus eilen soll, aber die Vorstellung, dass man für seine Überzeugungen einsteht, ist ein Konzept, das schwächer geworden ist, je mehr sich die Moderne um liberale Zuckerwatte wickelt. Der Protagonist des Buches handelt nach Werten, die mit Blitzschnelligkeit im Interesse der opportunistischen Gesellschaft verschwindet. Es könnte nicht schaden, sich daran zu erinnern, dass manchmal ein einfacher klarer Gedanke mehr bewirkt als alle aufeinander folgenden Kompromisse.
Warum spricht dieser Roman also vor allem ein Publikum an, das nach traditionellen Werten strebt? Es ist sicherlich die Einfachheit und Gradlinigkeit seiner Erzählweise, die uns lockt. Helden, die ohne großen Aufwand und Tamtam mutig handeln, bieten einen wohltuenden Kontrast zu den blutaromatisierten Helden unserer unterhaltsamen und frustriert komplexen Medienlandschaft. Die Charaktere des Buches besinnen sich auf Grundlagen, die erschütternd erfrischend sind, wie der ungefilterte Kaffee eines Morgens nach einer Nacht voller durchdachter Träume.
In einer Zeit, in der man seine Loyalitäten ständig der Stimmung der Masse anpassen soll, ist „Auf dem Pfad der Gesetzlosen reiten“ ein ungewöhnlich kraftvoller Aufruf zur Autonomie. Der Roman schafft es, den Leser daran zu erinnern, dass das Streben nach persönlicher Freiheit und Privatsphäre manchmal das wichtigste Gut ist, das man verteidigen muss. Diese Erzählung richtet sich an jene, die den Werten der Vergangenheit weiterhin Raum in einer veränderlichen Welt geben wollen. Denn manchmal braucht es einen neuen Blick auf Altbekanntes, um zu verstehen, dass das Rigide nicht zwangsweise rückwärtsgewandt, sondern oft auf Ewig zweckmäßig ist.