Die meisten Videospiele ziehen uns in bunte Welten, in denen Helden und Schurken klare Rollen einnehmen. Doch dann kam es - ein Spiel, das den moralischen Kompass mancher auf eine harte Probe stellt: Aporia: Jenseits des Tals, ein kleiner Indietitel von Investigate North, der im Juli 2017 erschien. In einer verfallenen Zivilisation der Unterwelt, gespickt mit Geheimnissen, bietet uns das Spiel eine Erzählung jenseits der üblichen Klischees. Die Frage ist, ob man das aushalten kann, oder ob man lieber im politisch korrekten Elfenbeinturm Schutz sucht.
Die Entwickler haben hier weder Kosten noch Mühe gescheut, um eine atmosphärische und fesselnde Welt zu schaffen. Besonders spannend ist die Tatsache, dass das Spiel ganz ohne gesprochene Dialoge auskommt. Stattdessen müssen sich Spieler auf eine nicht-lineare Erzählweise einstellen, die es erfordert, die Umwelt aktiv zu erkunden, um der Geschichte ihre Geheimnisse zu entreißen. Rechte denken möglicherweise, das sei verschwendetes Potenzial, während andere schlicht dankbar sind, weil es konservativen Prinzipien von Selbstverantwortung und eigenständigem Denken entspricht.
Was das Spiel wirklich herausragend macht, ist sein subtiler Hinweis auf die Macht und die Fallstricke von Verantwortung und Entscheidungsfreiheit. In einer Ära, in der Regulierung zur Modeerscheinung geworden ist, stellt Aporia ganz einfach die Frage: Was passiert, wenn Vorschrift und rote Linien verschwinden und wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen? Diese metaphysische Komponente legt den Finger unerbittlich auf wunde Punkte der modernen Gesellschaft.
Visuell ist das Spiel eine Wucht. Von der saftigen Flora bis zu den geheimnisvollen Ruinen – die Grafik ist atemberaubend und transportiert einen ohne viel Umschweife in eine andere Welt. Gleichzeitig bietet es eine Herausforderung für all jene, die glauben, sie könnten tiefe Erfahrungen mit gedankenlosen Klicks sammeln.
Kritiker könnten bemängeln, dass das Spielerlebnis oftmals eher gemächlichen Expeditionen gleicht, statt voller Action und Drama zu sein. Doch nicht jeder will in Zeiten von Reizüberflutung durch immer lautere und schnellere Spieleleiter gehetzt werden. Aporia bietet etwas für all jene, die gerne Zeit und Gehirnschmalz in ein Spiel investieren.
Unvergesslich ist auch der Soundtrack des Spiels, komponiert von Troels Nygaard. Die höfliche Zurückhaltung, die der musikalischen Untermalung innewohnt, könnte als subtile Kritik an der Dauerbeschallung interpretiert werden, der man heute kaum entkommt. Denn in einer Welt, in der laute Meinungen oft die leisen übertönen, ist es wohltuend, auch mal selbst zwischen den Zeilen hören zu dürfen.
Mit Aporia: Jenseits des Tals erleben wir eine Geschichte von zeitloser Relevanz, die manch einen idealistischen Geist zum Grübeln bringen wird. Es könnte als eines der Spiele beschrieben werden, das mutig genug war, Strukturen aufzubrechen, die sonst für heilig erachtet werden. Ein kritisches Kunstwerk, von dem sich viele der heutigen lieber abwenden, anstatt sich der unbequemen Realität zu stellen.
Diese Herausforderung, sich selbst in einer unbequemen, aber zutiefst ehrlichen Welt zu finden, ist der wahre Schatz von Aporia: Jenseits des Tals. Eine Offenbarung für die, die mutig genug sind, den Blick zu heben und zu verstehen, dass wirkliches Wachstum nur außerhalb der Komfortzone stattfindet.