Wenn Sie sich jemals gefragt haben, wie es wäre, wenn ein Film gleichzeitig provokant, ästhetisch ansprechend und unbequem politisch inkorrekt wäre, dann sollten Sie sich den Film Anna (1964) anschauen. Gedreht in einer Zeit, als Cinematographie noch Kunst und nicht bloß Kommerz war, erzählt dieser deutschsprachige Film die Geschichte von Anna, verkörpert von der charismatischen Schauspielerin Marianne Hoppe. Man fragt sich fast, wie dieser Film im heutigen Zeitalter der ständigen „politischen Korrektheit“ überhaupt noch existieren kann. Der Regisseur, Robert Mulligan, kreierte ein Werk, das in einer kleinen Schweizer Stadt spielt und durch seine ruhige, fast hypnotische Erzählweise besticht.
Anna ist nicht nur ein Film, sondern ein Kommentar zum Leben selbst – und dabei erstaunlich zeitlos. Warum sollte man sich überhaupt damit befassen, mag man sich fragen. Zum einen, weil die filmische Erzählweise uns einlädt, uns Gedanken über Freiheit und die Bürde gesellschaftlicher Normen zu machen. Zum anderen, weil der Film sich genau mit den menschlichen Abgründen und den moralischen Grauzonen befasst, die sich nicht in einem einfachen Schwarz-Weiß-Schema abbilden lassen.
Erinnern wir uns daran, dass die 60er Jahre eine Epoche waren, die von Umbruch und revolutionären Ideen geprägt war. Wer konfrontiert werden will mit der Frage, ob gesellschaftliche Anpassung nicht oft bedeutet, sein eigenes Ich zu verleugnen, der wird in Anna ein Stück Filmgeschichte finden, das diesen Nerv trifft. Der Film behandelt Annas persönliche Konflikte, die in ihrer Suche nach Selbstbestimmung münden. Keine einfache Task in einer Welt, die versucht, alles in vorgestanzte Schubladen zu packen.
Was Anna zu einer bleibenden Erinnerung macht, ist nicht nur die exquisite Kameraarbeit und die raffinierte Inszenierung, sondern auch das bemerkenswerte schauspielerische Talent von Marianne Hoppe. Sie verkörpert hier eine Frau, die verzweifelt versucht, der Enge ihrer Umgebung zu entfliehen und ihrer eigenen Vorstellung von einem selbstbestimmten Leben nachzugehen. Es ist eine Herausforderung, die Anna mit der Prise Rebellion angeht, die man nur ahnen kann, in einer Zeit, die von Konformität geprägt war.
Schauen wir uns die politische Botschaft an, die dieser Film quasi auf Samtpfoten transportiert. Eine klare Botschaft, die in so manchem Mainstream-Film heute abhandenkommen ist: Individualität wird dann bemängelt, wenn sie es wagt, dem kollektiven Ideal entgegenzuwirken. Anna weigert sich, sich in ein vorgegebenes Muster fügt, und stellt so die Regeln in Frage, ohne dass sie explizit ausgesprochen werden müssen. Der Stoff, aus dem die Träume von Freiheit sind? Vielleicht.
Warum spricht dieser Film eine Sprache, die, wenn sie heute gemacht würde, wahrscheinlich in der Versenkung einer „Coding-Konfabulation“ landen würde? Sie erzählt von der tiefen, menschlichen Frage nach Identität und Selbstbestimmung und tut dies ungefiltert, unbequem und völlig frei von der jeweiligen Agenda einer Interessenvertretung. Wie würde man auf solch einen Film reagieren, wenn er heute erscheinen würde? Gut möglich, dass man ihn zu kontrovers fände, um ihn unbehelligt in die Kinos zu bringen.
Vielleicht ist es die Tatsache, dass Anna geradezu eine Reflexion der unvermeidlichen zeitlichen Werte-Diskrepanz bietet, die es heute so selten gibt. Manchmal braucht es einen Rückblick in die Geschichte, um die Zukunft deutlicher zu sehen. Was früher einmal Filmkunst war, könnte heute als Zeugnis einer anderen Zeit fungieren – einer Zeit, in der Kunst und Botschaft noch Symbiose waren und nicht im Dienst von Propaganda.
Um auf die Macht heutiger Begrenzungen politischer Korrektheit hinzuweisen, kann man ruhig behaupten, dass Anna ein cineastischer Schatz ist, den man nicht wegen seiner gegenwärtigen Annehmlichkeit, sondern wegen seiner Ecken und Kanten verehren sollte. Damit bietet der Film eine seltene Möglichkeit, auf die unverfälschte Weise kunstvoller Darbietung zurückzublicken – wann immer man die Chance dazu erhält.
Obwohl im Schatten der großen Produktionen verloren, verdient Anna zweifellos ein Wiederaufleben, allein schon um die Fragen zu provozieren, die man heute nicht mehr so oft stellt.
Wäre ein solch kompromissloser Film heute möglich, in einer Welt, die oft versucht, in Polarisierung zu existieren? Wer Anna bis zum Ende schaut, wird sich sicher diese Frage stellen.