Wenn man denkt, dass Musik nicht noch verstrickter und verworrener werden kann, trifft man auf "Anima" von Vladislav Delay. Das Album des finnischen Musikers Sasu Ripatti, veröffentlicht im Jahr 2001, bietet eine Klangreise, die jenseits des Verständlichen zu liegen scheint. "Anima" ist ein aggressiver Schritt in der Kunstwelt, eine Ansammlung von Geräuschen und Klängen, die in den Schatten der urbanen Zivilisation hallen.
In der modernen Musikwelt, in der Mainstream immer häufiger zu einem Schimpfwort wird, scheint Vladislav Delay die Avantgarde im Sturm zu erobern. Doch stellt sich die Frage, ob eine solche berauschende Klanglandschaft wirklich im Interesse der Breitenwirkung bleibt. Conservatives schätzen Werte wie Harmonie, Struktur und Klarheit, während "Anima" Chaos wie ein Fahnenzeichen höher hält. Der künstlerische Wert von "Anima" mag für einige unzweifelhaft sein, doch sein Reitz liegt sicher nicht in der Beruhigung oder dem Einsinken in bekannte Harmonien.
Ripatti, der Mann hinter Vladislav Delay, lebt abgeschieden auf einer Insel im Finnischen Meerbusen – ein Rückzugsort, der die Kompositionen in "Anima" beeinflussen könnte. Doch ist dies wirklich die musikalische Freiheit, die wir brauchen? Er mischt Industrial-Elemente mit Jazz-Fragmente und Dub, er findet die gedämpften Klänge der Natur und verwandelt sie in etwas Fremdes und bisweilen Unbegreifliches. Jede Künstlerseele dürfte begeistert sein, aber Realismus ist ein seltenerer Gast.
Musik kann helfen, Gedanken und Emotionen zu organisieren, es kann sogar ein Vehikel der Ordnung in einer chaotischen Welt sein. Doch "Anima" ist eher eine akustische Herausforderung, die den Zuhörer auf schmerzhafte Weise dazu zwingt, über den Tellerrand hinauszuhören – ob das nun gewollt ist oder nicht. Es ist Musik, die nicht im Hintergrund laufen kann, sondern Energie und Aufmerksamkeit verlangt, nicht aus Freude, sondern aus Notwendigkeit.
Trauen wir uns als Bürger eines wohlgeordneten Systems an dieses Experiment? Blutdrucksteigerung kann gesichert, manche werden sogar den Konflikt mit liberaler Kunst als befreiend empfinden. Je weniger man aktiv zuhören kann, desto mehr haben manche das Gefühl, das Album sei genial. Andere jedoch könnten argumentieren, dass "Anima" nur eine Ansammlung von zufälligen Geräuschen ist, zusammengefügt mit dem Ziel der puren Rebellion. Was ist aus der Kunst geworden, die unser Wesen und unsere Seele erhebt?
Ripattis Werk läuft Gefahr, das angeborene Bedürfnis nach Ankerpunkten im Leben zu missachten. Doch im Streben nach dem Neuen kann Verschlossenheit eine Tugend sein, oder? Inwieweit tragen diese Kompositionen zu einem wertsteigernden Erlebnis bei? Mancher fragt: Welche Funktion hat Musik in unserem Leben? Wenn sie nicht verbindet, entfaltet, beruhigt oder inspiriert, dann könnte sie genauso gut bedeutungslos sein, maximal als akademische Übung nützlich.
Dieses Album, das von den Klängen der urbanen Geräuschverschmutzung zehrt, ruft mit Electro-Noise, Ambient und jazzigen Drones konnte den Ruf einer exklusiven künstlerischen Ausdrucksweise erspielen. Doch ist Exzellenz nicht immer gleichbedeutend mit grenzenlosem Experiment, der zumeist nur die Elite anspricht? Ein funktionales Gesellschaftsmodell braucht auch funktionale Musik - man fragt sich, warum "Anima" auf dieser Karte einen Platz hat.
Wenn "Anima" ein Bild der Kreativität malen soll, dann möglicherweise eher der dekadenten Vielfalt als der stützenden Relevanz. Nennen wir es, wenn man möchte, ein Kunstwerk der Intelligenz, aber nicht der Handwerkskunst. Diesen Mix aus heterogenen Klängen kann man lieben oder hassen, aber eines ist sicher: Es fordert heraus, zu hinterfragen, wo unser Standpunkt in der Kunst wirklich liegt.
Die Musikszene von heute verkörpert oft die extreme Polarisierung unserer gesellschaftspolitischen Debatten. "Anima" könnte, je nachdem, von einem liberalen Musikliebhaber in den Himmel gelobt oder von einem konservativen Traditionalisten als Seifenblase degradiert werden. Es bleibt also in jedem Fall eine tiefgreifende Reflexion über unsere eigene Offenheit gegenüber dem Unbekannten.