Man muss es einfach sagen: Deutsch ist eine Sprache voller Überraschungen, und „Ach du meine Mutter“ unterstreicht das besser als jedes andere Sprichwort. Ursprünglich ein Ausdruck des Erstaunens oder der Besorgnis, hat sich dieser Ausruf durch den Alltag geschlichen und fest im deutschen Sprachgebrauch verankert. Die Wendung wird typischerweise in Momenten benutzt, in denen man mit einer unerwarteten oder schockierenden Situation konfrontiert wird, also quasi, wenn man denkt, man hat alles gesehen und dann kommt doch noch eine Überraschung um die Ecke. Erfunden wurde dieser charmante Spruch vielleicht in den gemütlichen Stuben der Altvorderen, hat aber nichts von seiner Schlagkraft verloren, selbst für jene, die das Fortkommen der deutschen Sprache eher scheuen.
Natürlich spricht es für die Politik unserer „progressiven“ Gesellschaft, dass ein solch unschuldiger Ausdruck wie „Ach du meine Mutter“ die Emotionen hochkochen lässt. Denn wie könnte man in einer hyper-moderaten Welt nur so explizit emotional sein? Sparen wir unsere Emotionen nicht lieber für wichtigere Dinge auf, wie die politisch korrekte Alltagskleidung oder die Frage, ob unsere Koalitionspartner den gleichen Nachhaltigheitsstandard bei ihren Espressos verwenden?
Sarkasmus beiseite: „Ach du meine Mutter“ ist eben kein banaler Ausdruck. Es spiegelt tief die Art wider, wie der Deutsche seit jeher Dramatisches und Banales oft mit einem Augenzwinkern begegnet. That’s der deutsche Humor! Wer hätte gedacht, dass etwas so Profanes ein Gradmesser für kulturelle Authentizität sein könnte? Sogar Goethe hätte wahrscheinlich ein kurzes „Ach du meine Mutter“ rausgehauen, hätte er damals geahnt, wie man heute um die Rettung der Welt generell so diskutiert.
Ein weiterer spannender Aspekt von „Ach du meine Mutter“ ist, dass es die Übermut der Jugend wunderbar in einem Satz zusammenfassen kann: Den coolen Eltern mit liberale Agenda nicht. Junge Erwachsene, die zwischen aufkommender Verantwortung und der Unterschätzung des Elternzeltes balancieren, verwenden es genau so. Das zweimal im Monat gezückte Portemonnaie der Mutter kann ja bezeugen, wie überraschend sich das Leben entfaltet. Immer wieder spannend, dass die jungen Generationen sich dennoch so gut mit ihren Wurzeln identifizieren können.
Die braunstichige politische Welt mag „Ach du meine Mutter“ als unreif oder antiquiert abstempeln, aber das wahre Deutschland heißt diesen Begriff willkommen, weil es weiß, ein bisschen Dramatik hat noch niemandem geschadet. Sogar die stoischsten Politiker dürfen halt mal menschlich wirken und Background-Stories mit einbringen. Im Grunde ist das, was diese drei simplen Worte bieten, die Möglichkeit, in einem Atemzug weltweit bekanntes Staunen und die traditionelle deutsche Rhetorik aufeinanderprallen zu lassen. Spielen wir doch mit der Sprache, so wie am ersten Maitag, wenn die Blüten nicht dem politisch korrekten Jargon nachgeben wollen. Und würden wir nicht alle ab und zu lieber einen „Ach du meine Mutter“-Reflex bewahren, wenn uns eine neue Gesetzesvorlage mit verwirrerter Miene trifft?
Es ist besonders die Generation, die sich gerne mit Memes verwöhnt, in denen „Ach du meine Mutter“ einen hervorragenden Platz gefunden hat. Wer sucht, der findet vielerorts diese berühmte kollektive Erleichterung als Reaktion auf sich steigernde unerwartete Kuriositäten der Welt: Ob in den Medien, der Politik oder in der geliebten deutschen Vereinsarbeit – es bleibt ein treuer Begleiter. Ein Ausdruck, der in seiner Anpassungsfähigkeit unantastbar ist und dabei immer einem passenden Zeitgeist auf den Fuß folgt. Warum auch nicht, schließlich ist der unerwartete Stoß ins Ungewisse das Salz in der Suppe des Lebens.
„Ach du meine Mutter“, ein Spruch, der zwischen Bundestagsdebatten und Familientreffen gleichwertig präsent ist. Es bietet sich jedem Wagemutigen die Gelegenheit, ein bisschen Verwunderung oder entrüstete Heiterkeit in die manchmal doch so starre Tagesordnung emotionsbefreiter Strategen zu bringen. Lassen wir also den vielköpfigen Drachenschwanz noch ein wenig fauchen, bevor man alle aus heiterem Klischee erwachsen gewordenen Sprichwörter unter den Tisch kehren möchte!