Könnte da jemand einen Remix des eigenen Lebens gebrauchen? Im Jahr 2006 hat Robbie Williams genau das gemacht, als er sein achtes Soloalbum "Rudebox" veröffentlichte. Ein ehemaliger Teenie-Schwarm aus den 90er-Jahren wagt sich in die Elektropop-Clubszene vor – das war sowohl der kreative Sprung ins kalte Wasser als auch eine mitreißende Einladung zu einer musikalischen Party, die keiner erwartet hatte. Die Veröffentlichung von "Rudebox" fand in einer turbulenten Phase seiner Karriere statt, als er sich von boybandähnlichen Balladen zu kraftvollen, experimentierfreudigen Klängen entwickeln wollte.
Robbie Williams wurde durch die Boyband Take That berühmt und baute schnell eine erfolgreiche Solokarriere auf. Doch "Rudebox" war ein klarer Bruch mit seinem bisherigen musikalischen Schaffen. Es war auch ein riskanter Schritt, sich in einem so unterschiedlichen Genre zu behaupten. Zum Teil beeinflusst von Hip-Hop, Pop und Dance, war das Album eine bunte Mischung, die Fans wie Kritiker gleichermaßen überraschte. Ein gewagtes Spektrum an Stilen von Elektronik bis Dancehall machte es schwer, "Rudebox" in eine Schublade zu stecken.
Manche Kritiker empfanden Williams' Experimentierfreude als chaotisch und verloren. Die Platte erhielt gemischte Rezensionen. Einige liebten die frische, unerwartete Richtung, andere vermissten die kraftvollen Balladen, die ihn berühmt machten. Songs wie "Lovelight" und "She's Madonna" packten die Charts, aber das ausufernde Stilgemisch verwirrte alteingesessene Fans. Jedoch für eine Generation, die mit Streamingdiensten aufgewachsen ist und für die Genregrenzen immer weniger Bedeutung haben, könnte "Rudebox" eine Art Vorbote gewesen sein. Kulturen mischen sich, ebenso wie Klänge. Und damit passte das Album möglicherweise sogar mehr in heutige Zeiten als in das Jahre 2006.
Williams selbst hat geteilt, dass er sich mit diesem Album selbst treu bleiben konnte, indem er die Spielzeuge seiner Jugend – alles von Video Games bis zu Old-School-Hip-Hop – abfeierte. Lieder wie "Bongo Bong/Je Ne T'aime Plus" präsentieren einen Robbie, der Spaß am Experimentieren hat und dem es egal zu sein scheint, was die breitere Öffentlichkeit darüber denkt. Und vielleicht ist genau das der Punkt, den er machen wollte: In einer Welt der Konventionen und Erwartungshaltungen seinen eigenen, unkonventionellen Weg zu gehen.
Natürlich gibt es politische und gesellschaftliche Dimensionen in der Kunst, die nicht ignoriert werden sollten. Die Entscheidung für ein radikal anderes Album könnte auch im engeren kulturellen Kontext verstanden werden. Noch bevor Identitäten fluider und Normen durchlässiger wurden, stellte „Rudebox“ kulturelle Abschottung in Frage. Nun könnte man argumentieren, dass dies die wahrhaftige Befreiung des Künstlers Williams war. Ist das nicht auch das, wonach viele von uns streben? Inmitten von Beurteilungen und Urteilen für sich zu stehen und das zu tun, was wirklich zählt?
Es mag verständlich sein, dass sich nicht alle mit "Rudebox" anfreunden konnten. Es ist anders, unkonventionell und es sträubt sich gegen Bekanntes. Aber in einer digitalisierten Welt, in der wir uns jeden Tag neu erfinden und entdecken können, war "Rudebox" vielleicht nur seiner Zeit voraus. Williams zeigte uns, dass selbst Popstars in fehlerbehafteten, manchmal chaotischen Kreationen zeigen können, wie wichtig es ist, Risiken einzugehen.
In der Welt der Musik nur selten bleibt ein Album so umstritten und zugleich so gefeiert. Es ist oftmals das Unverhoffte, das die größte Welle schlägt. Und so werden wir heute immer noch über Robbie Williams' seltsamen und spannenden Ausflug in die Dimension des Elektropops sprechen. Vielleicht hoffte er, aus dem verhangenen Fenster der Mainstream-Popularität in ein Raum, der Platz für vieles lässt – wie Sound-Dschungel und beatgetriebene Visionen. "Rudebox" war ein künstlerischer Meilenstein, der zeigt, dass man die eigene Route bereiten kann, egal wie unkonventionell sie erscheint.