Was für ein Spektakel! Einst waren große Versprechen der Linken in der Luft: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wer kann zu solch edlen Idealen nein sagen? 1789 in Frankreich begann ein Sturm der Veränderung, der die Sonne eines neuen Zeitalters mit sich bringen sollte. Doch was haben wir in den darauffolgenden Jahrhunderten gesehen? Ein unaufhörlicher Zyklus von Erwartungen, die in Enttäuschung enden.
Man hätte meinen können, dass die Revolution der Endpunkt der Unterdrückung sei, aber die Geschichte lehrt uns was anderes. Die Industrielle Revolution versprach Wohlstand für alle, heraus kam ein neuer Kampf zwischen Kapital und Arbeiter. Die Russische Revolution von 1917 tauschte nur eine absolute Herrschaft gegen eine andere. Der Sozialismus von Karl Marx und Friedrich Engels – einst als das Heilversprechen gefeiert – führte zu Diktaturen von Stalin bis Castro. Und in jüngerer Zeit bringt der arabische Frühling, der 2010 unter strahlendem Himmel des Mittleren Ostens startete, nur wenig mehr als neue Machthaber ans Licht.
Man mag sich fragen, warum diese revolutionären Bewegungen immer wieder scheiterten. Ist es die Natur des Menschen, die in Einklang mit Ordnung und Hierarchie steht, die im Widerspruch zu den utopischen Träumereien der Revolutionäre lebt? Möglicherweise. Die Realität hat eine seltsame Art, die schönsten Träume zu zerschlagen und ihnen die Bühne der ernüchternden Wahrheit zu bereiten. Es gab große Reden, fäusteschüttelnde Führer und enthusiastische Menschenmassen. Aber am Ende des Tages bleibt man mit der Einsicht zurück, dass der Status quo eher reformiert als revolutioniert wird.
Man könnte fast sagen, dass Revolutionär sein gleichbedeutend ist mit einem Ticket ins Land der Frustration zu besitzen. Denn so sehr die großen Reden und Versprechungen auch locken mögen, sind die praktischen Ergebnisse meist ziemlich enttäuschend. Es scheint fast so, als ob das Streben nach radikalen Neuerungen in der Regel ein verwandelter Weg in Richtung Despotismus ist. Denn die Macht, wie die Geschichte zeigt, korrumpiert.
Was ist mit den Helden von gestern, als sie sich in den Mantel der Führung hüllten? Sie gerieten oftmals in eine Zwickmühle, wider die sie zuvor ankämpften. Die Macht über andere, jenes goldene Schwert, wandelt sich schnell zum Albatros. Der Traum wird nicht nur gebrochen, sondern verwandelt sich in genau das, was man zerstören wollte – Unterdrückung und Elend. Diese konstante Rückkopplung in der Historie zeigt, dass Utopien selten das Licht der Wirklichkeit überstehen.
Man stelle sich die Desillusion derer vor, die glaubten, dass ihre idealistischen Bemühungen die Welt verändern könnten. Wie viele Tränen sind seit der Französischen Revolution auf die Erde gesickert, wie viel Blut geflossen, ohne dass sich ein wahrer Wandel eingestellt hat? Die Antworten auf die Herausforderungen von heute liegen nicht in extremen Ansätzen oder revolutionärem Eifer. Wer sich darauf einlässt, gleicht einem Käufer, der ein vielversprechendes Produkt kauft, das immer wieder nach dem Auspacken kaputt geht.
Stattdessen bietet die Evolution der Ideen eine weitaus attraktivere Alternative. Der Weg zur Besserung ist nicht mit brachialen Umstürzen und gewaltigen Reden gepflastert. Veränderungen, die Bestand haben, benötigen Zeit. Die Mühlen der Geschichte mahlen langsam, jedoch mit einer Beständigkeit, die keinem revolutionären Moment eigen ist.
Wie oft hat sich die Welt verändert, weil Menschen in kleinen, aber wichtigen Schritten gegangen sind? Sie wählten Reformation über Revolution. Geringfügige Veränderungen können sich in großem Maße ausbreiten. Sie durchdringen Gesellschaften wie der sanfte Klang einer Melodie, die sich auf unzählige Art weiterentwickeln kann. Dies beschwört keine Helden herauf, führt aber zu einer langanhaltenden und stabilen Gesellschaft.
Die Lektionen der Geschichte sind ebenso klar wie treffend. Nun, wir leben in einer Zeit, in der selbst die kühnsten Träume getestet werden. Es ist notwendig, die Blätter der Vergangenheit umzublättern und eine Richtung einzuschlagen, die Realität über romantische Vorstellungen stellt. Wollen wir in einer Welt leben, wo aus radikalen Ideen oft radikale Diktatoren erstehen? Oder bauen wir auf das altbewährte, und vielleicht nicht glamouröse, Prinzip sicherer Evolution? Die Antwort ist klar.