Der ungeschönte Knall mit „Willkommen zur Realität“

Der ungeschönte Knall mit „Willkommen zur Realität“

Das Album „Willkommen zur Realität“ von Fler und Shizoe, veröffentlicht im August 2006, ist ein kompromissloser Weckruf, der einen ungeschönten Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten wirft.

Vince Vanguard

Vince Vanguard

Das Album „Willkommen zur Realität“ von Fler und Shizoe ist der wohl unbarmherzigste musikalische Weckruf des Jahres 2006 für alle, die ihren Kopf noch in den Wolken haben. Im sommerlichen August wurde uns dieses Straßenalbum um die Ohren gehauen – bei Aggro Berlin versteht man halt, wie man Sound macht, der Staub aufwirbelt. Diese Platte legt den Finger in die Wunde und zeigt schonungslos den harten Asphalt unseres alltäglichen Lebens. Es ist wohl eines der wenigen Alben, das den Tigel der Gesellschaft nicht nur rührt, sondern auch sprichwörtlich den Deckel hebt, um das Chaos zu präsentieren, vor dem viele die Augen verschließen.

Nun ist es vielleicht keine Überraschung, dass die Texte auf „Willkommen zur Realität“ rough und ungeschnörkelt daherkommen. Schließlich ist Fler bekannt für seine Trademarks wie den Gehhilfen-Bass und markante Ansagen, mit denen allzu Biedere meist wenig anfangen können. Die Beats krachen wie ein Handkantenschlag und die Texte reißen das Pflaster von einer immer klaffender werdenden gesellschaftlichen Wunde. Kein Platz für Sozialromantik, denn hier geht's darum, wie sehr sich manche in einer Blase der Illusion verfangen haben. Für manchen sicher eine unhöfliche Art aufzuwachen.

Natürlich, gerade in der heutigen Zeit könnte die Thematik von Gewalt, sozialer Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit mit einem Fragezeichen von politisch Überkorrekten betrachtet werden. Doch darum geht es hier gerade nicht: Man kann den Spiegel vor sich hertragen, man kann ihn aber auch thrashen! Diese Platte ist absolut brutal und gnadenlos ehrlich. Manch einer mag sich in seliger Ignoranz wohlfühlen, doch „Willkommen zur Realität“ fordert brutal, einen Blick auf die ethische Hässlichkeit zu werfen.

Fler, als Veteran der deutschen Hip-Hop-Szene, propagiert nicht nur Krawall um des Krawalls willen, sondern möchte aufrütteln und mobilisieren. Und warum auch nicht? Denn wenn wir uns nicht mit den harten Realitäten des urbanen Lebens auseinandersetzen, überlassen wir die Gestaltung der Zukunft anderen. Platinschatten statt Zuckerwatte - so schrieb jemand mal eingängig über den harten Sound des Rappers. Auf dem Album selbst zeigt sich diese Kompromisslosigkeit in Liedern, die sich thematisch von Kriminalität bis zu den Widrigkeiten des urbanen Daseins erstrecken. Es ist klar, dass die Floskel von „Hartz IV als Verdienstmodell“ hier im Raum steht, nicht als Lösung, sondern als zynische Realität für viele.

Warum also Fler und Shizoe? Nun, während manche sich an der Oberfläche kratzen, graben die beiden in die Tiefe der sozialen Verflechtungen. Werkzeuge dabei sind strapazierte Reime und ein schwermütiger, doch unerschütterlicher Beat, der ironischerweise im krassen Kontrast zur bunten Ästhetik der Mainstream-Medien steht. Das sind keine flüchtigen, sondern dauerhafte Eindrücke, die bei hörenhaften Posern wahrscheinlich die Zornesfalten ins Gesicht treiben.

Es sollte niemanden überraschen, dass solche musikalischen Projekte einen klaren Appell an die gesellschaftlichen Antagonisten haben. Diese Alben sind es, die brachial die Realität zelebrieren, in der viele Menschen tagtäglich kämpfen, ohne dabei den goldenen Löffel im Mund gehabt zu haben. Viele Alben bringen Hochglanzcover mit hübschen Miseren, und wie gern reden wir über die „Gefahr“ der Straße aus dem behaglichen Wohnzimmer heraus? Doch wollen wir uns dieser „falschen“ Realität hingeben oder aus dem Bruch lernen, damit wir effektiv, wenn nicht gar militärisch, die Probleme an der Wurzel anpacken?

Dies ist nicht etwa ein Aufruf zur Auflehnung oder gar zur Revolution, sondern eher eine Blaupause eines ungeschönten Gesichtspunktes der urbanen Existenz. Ideale Lösungen für Armut und Gewalt verlieren ihren Wert, wenn sie an der Erste-Welt-Problematik vorbeigehen. Das Album ist vielleicht nicht für jeden gedacht, aber es kann als Erholungsschock gefallen oder abgetan werden. So oder so, diese Herausforderungen sollten nicht nur Fler und Shizoe überlassen werden.

Das Album markiert einen Punkt in der deutschen Musikgeschichte, wo man nicht weghören kann. Es ist Ohrenkino, das sowohl den Pessimismus einfängt, als auch eine Faust gegen den auf die Vorstadt begrenzten Horizont erhebt. Wer die Augen verschließt, ist selbst schuld, wenn der Weckruf aus dem Ghettoblaster ihn Herzrasen lehrt. Ergo: „Willkommen zur Realität“ – für all jene, die noch nicht verstanden haben, wie wenig Glanz es im goldenen Käfig zu sehen gibt.