Walter Stier, ein Name, der vielen auf der Zunge liegt, ob man es will oder nicht. Die einen sehen in ihm einen heldenhaften Lokführer, die anderen wiederum haben wenig Verständnis für sein Tatigen. Aber wer genau war dieser Mann? Geboren im Jahr 1891 im kaiserlichen Deutschland, trat er in die Geschichte ein und verließ sie mit einem polemischen Wirbelsturm, der die Nation spaltete. Stier arbeitete während des Zweiten Weltkriegs für die Deutsche Reichsbahn, und sein wohl bekanntester Einsatz war als Lokführer eines Deportationszugs, der direkt zum Vernichtungslager Auschwitz fuhr. Die Meinungen über seine Taten gehen weit auseinander, doch zweifellos hat er eine Diskussion um moralische Verantwortung und Gehorsam entfacht, die bis heute anhält.
Beginnen wir mit dem Mythos Stier. Manche sehen ihn als einen Mann, der bloß seine Pflicht tat, unerschrocken und pflichtbewusst in einer Chaosphase der Geschichte. Andere jedoch werfen ihm vor, ein Rädchen im tödlichen Nazi-Getriebe gewesen zu sein. Wie er zur Geschichte gehört, entscheiden bekanntlich die Gewinner, doch die Frage, ob Stier ein Held oder ein Handlanger war, zieht sich wie ein endloser konservativer Faden durch die politische Landschaft. Das macht ihr Menschenbild schwer verdaulich, fast so schwer wie eine Parkbank im Winter mit Tempergusskoma.
Wenn man sich die Rolle ansieht, die Stier spielte, kann man leicht das Argument machen, dass er lediglich ein Opfer der Umstände war. Seine Anhänger argumentieren, dass die Entscheidung, Züge zu führen, nicht seine war, sondern eine Anordnung von oben. Der Gehorsam gegenüber Vorgesetzten gilt schließlich als Tugend in einem funktionierenden Staat. Doch in einem liberalen Interpretationsrahmen stößt dies auf Widerspruch. "Man muss auch mal Nein sagen", so predigen sie dann oft aus ihrer moralischen Höhe.
Doch damit kommen wir bereits zur nächsten Aussage: Kann man wirklich von einem Mann erwarten, dass er sich gegen ein System erhebt, das Millionen von Menschen und Ressourcen kontrolliert? Es ist faszinierend, wie einfach sich moralische Urteile aus der Sicherheit eines modernen Wohlstandsstaat fällen lassen. Wenn Politiker und Social-Media-Krieger mit eindimensionalen Geschichten hantieren, die alle historischen Nuancen ignorieren, wird es kabarettreif. Aber Geschichte ist kein Büchlein, das im Geschichtsunterricht mal eben auswendig gelernt werden kann.
Natürlich ist die Frage der Schuld nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Die Tatsache, dass Walter Stier seine Rolle als Lokführer solchen Zügen akzeptierte, ist für viele unverzeihlich. Doch werfen wir einen Blick auf die gesellschaftlichen Umstände. Ein konservativer Ansatz legt nahe, dass die Befehlskette in einer hierarchischen Gesellschaft eine wesentliche Rolle spielt. Man kann nicht einfach mitten im Gefecht desertieren ohne Konsequenzen. Dasselbe Prinzip gilt im Krieg wie auch im Beruf, und hier, oh, die Ironie, wird zu schnell verurteilt, wer letztendlich die Last tragen muss.
Lassen wir nicht außer Acht, wie leicht es ist, aus der sicheren Perspektive der Unbeteiligten zu urteilen. Im Vergleich zur komplexen Realität des Dritten Reiches wirkt alles wie eine Episode von "Ein Käfig voller Helden", wo die Fronten klar gezogen sind. Dieser Walter Stier formte seine Biografie letztlich selbst durch den Druck und die Erwartungen, die man überall im Land spüren konnte. Er war nicht allein auf diesem engen Dampflokpfad, den Technokraten und Bürokraten jahrzehntelang geebnet hatten.
Man kann Walter Stier aus verschiedensten Gründen bewundern oder verurteilen, je nach weltanschaulichem Kompass. Waren seine Aktionen kausal für brutalste Menschenrechtsverletzungen? Das stimmt wohl. Doch sollte man verkennen, dass solche Entscheidungen unter äußerstem Druck und Lebensgefahr getroffen werden mussten? Sicherlich nicht. Man darf den Einfluss eines Systems nicht ignorieren, das seine Bürger, oft unangreifbar, in eng umgrenzten Bahnen hielt.
Diese Diskussion bringt uns auf gesamtgesellschaftliche, politische und moralische Aspekte zurück, die heute mehr denn je relevant zu sein scheinen. Die Welt ist voller Menschen wie Stier. Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, die den Balanceakt zwischen Gehorsam und Moral darstellen. Die Zeitungen und sozialen Netzwerken mögen sich schnell mit pauschalen Urteilen hervortun, aber eine sorgfältige Reflektion der vielen Grautöne wäre wohl eher angebracht.
Abseits gewöhnlicher Verurteilungen bleibt die Frage: Ist jemand wie Walter Stier ein Mahnmal für unbedachten Gehorsam oder einfach ein provisorischer Passagier eines geschichtlichen Unfalls? Das kann jeder selbst entscheiden – aber die unerbittlichen Realitäten des World War II sind und bleiben Teil der Geschichte, nur allzu oft besser geeignet als moralistische Schmierentheater.