Jerusalem, eine Stadt, die seit Jahrhunderten die Fantasie der Menschen beflügelt, flammt auch heute noch in der politischen Landschaft auf. Wer ihre Geschichte besser verstehen will, wird früher oder später auf "O Jerusalem!" von Larry Collins und Dominique Lapierre stoßen. Dieses Werk, das 1971 veröffentlicht wurde, ist mehr als nur ein Geschichtsbuch. Es ist ein packendes Porträt der Konflikte, die zum modernen Nahen Osten führten.
Die Autoren, bekannt für ihre intensiven Recherchen und ihr erzählerisches Können, malen ein lebendiges Bild der entscheidenden Jahre, als 1948 der Staat Israel gegründet wurde. Diese Phase ist entscheidend, weil der Krieg, der sich während dieser Gründung entfaltete, das Gebiet bis heute prägt. Doch hinter der literarischen Fassade verbirgt sich eine äußerst liberale Sichtweise, die die geopolitischen Realitäten teils gröblich verzerrt.
Wer ist für die Eskalation verantwortlich? Wer jetzt hofft, in "O Jerusalem!" Antworten zu finden, sollte gewarnt sein. Die Autoren stellen die arabischen Staaten in einem Licht dar, das fast frei von jeglicher Verantwortung für die damaligen Ereignisse ist. Wohlwollend werden die Rollen der Großmächte, die Teil des Konflikts waren, heruntergespielt, während Israel übermäßig kritisch beleuchtet wird. Es ist, als ob die militärischen und politischen Strategien der Anti-Israel-Koalition kaum eine Erwähnung wert wären.
Eine sehr einseitige Perspektive Wenn man die dynamische und oft explosive politische Szenerie verstehen will, sollte man mehr erwarten als nur eine Erzählung, die die westliche Kultur für den Konflikt verantwortlich macht. Doch genau das tun Collins und Lapierre: Sie geben der vermeintlichen Kolonialmacht eine fast übertriebene Schuldzuweisung. Eine tiefere objektive Analyse fehlt und lässt den Leser mit einer fragwürdigen Interpretation der komplexen Geschichte zurück.
Helden oder Antihelden? Sicherlich sind die Geschichten der verschiedenen Akteure spannend. Der Mut der jüdischen Bevölkerung, ihre Heimat zurückzuerobern, wird erwähnt, allerdings mit einer unterschwelligen Skepsis, die hinter der Erzählung immer wieder hervorschimmert. Man fragt sich unweigerlich, ob die Autoren nicht vielmehr Sympathien für jene hegen, die damals gegen den jungen Staat Israel kämpften.
Emotionen als Geschichtsersatz In "O Jerusalem!" wird viel mit Emotionen operiert. Das mag für den Leser zunächst spannend und fesselnd sein, doch das Fehlen einer sachlich-analytischen Schilderung kann kaum übersehen werden. Es scheint so, als wollten die Autoren mehr durch Affekt statt durch Fakt überzeugen. Wer eine pragmatische Herangehensweise sucht, wird enttäuscht sein.
Ein Bestseller durch und durch Zweifellos hat das Buch seinen Platz in der Liste der Beststeller, aber das nicht aufgrund seiner historischen Genauigkeit. Vielmehr geht es um eine gekonnte Erzählweise, die an Dramatik kaum zu überbieten ist. Hier sieht man, wie gut Geschichte in packender Form verkauft werden kann, auch wenn sie schief gewichtet ist.
Die Rolle der einseitigen Historisierung Die Folgen solcher einseitiger Werke sind fatal. Junge Leser, die sich über die Geschichte des Nahen Ostens informieren möchten, könnten nach der Lektüre völlig falsch informiert werden. Dabei wäre die Sensibilität für eine differenzierte Darstellung gerade in einem so komplexen Thema erforderlich.
Wenn nichts hinterfragt wird Wie oft lesen wir Bücher, die historische Ereignisse nicht hinterfragen, sondern blind eine vorgefertigte Vorstellung fördern? "O Jerusalem!" scheint eines dieser Bücher zu sein. Die kritische Distanz, die man erwarten würde, wird durch einen allgemeinen melodramatischen Ton getrübt, der alles, was unbestritten schien, ins Wanken bringen könnte.
Mögliche Gefahren für die Wahrnehmung Stellen wir uns vor, die Lektüre von "O Jerusalem!" bliebe die einzige Informationsquelle über diese Epoche. Das Risiko, viele Generationen mit fehlerhaften Wahrnehmungen zu prägen, wäre immens. Solche Werke sollten immer in einem breiteren geschichtlichen Kontext betrachtet werden, andernfalls besteht die Gefahr des Missverständnisses, was die Wurzeln des Konflikts betrifft.
Raffinierte Verzerrungen Die Tatsache, dass das Buch mit Spannung gelesen wird und viel Anerkennung erhält, zeigt, wie attraktiv raffinierte Verzerrungen sein können, solange sie spannend präsentiert werden. Vielleicht liegt hierbei auch die tatsächliche Absicht der Autoren: Sich als Meister der Wortkunst zu präsentieren und nicht als faktengetreue Historiker.
Was bleibt und wem es nutzt Am Ende bleibt die Überlegung: Wem nützen solche Darstellungen geopolitisch komplizierter Sachverhalte? Man könnte meinen, dass in der Medienlandschaft eher Sensationslust regieren soll als eine nüchterne, korrekte historische Aufarbeitung. Wer Jerusalem wirklich verstehen möchte, dem sei geraten, weiterzusehen. Es gibt weitaus umfassendere Darstellungen dieses beschwerlichen Wegs, die nicht den Drang nach Drama als oberste Priorität sehen.