Stellen Sie sich einen Ort vor, der jeden Umweltaktivisten vor Angst erzittern lässt: das ist der Northeast 85th Street Bahnhof! Ja, genau dort, im beschaulichen Redmond in Washington, wo Modernität uns schon längst überrollt hat. Im November 2021 wurde bekannt, dass der Northeast 85th Street Bahnhof im Rahmen des neuen Sound Transit-Projekts entwickelt wird, als Teil einer massiven Expansion des Nahverkehrsnetzes. Die Baumaßnahmen sind dabei, das Landschaftsbild eines Viertels zu formen, das bisher für seinen idyllischen Suburban-Charme bekannt war. Eine klassische Geschichte von Fortschritt, die den Charme der Vorstädte vernichtet. Das Geplärre über grüne Politik kann hier also direkt im Takt der Baugerätmusik verklingen.
Nun, sämtliche Fortschrittsromantiker mögen die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Wer braucht schon Ruhe und Frieden, wenn man stattdessen den ohrenbetäubenden Lärm einer Baustelle haben kann? Der Bahnhof wird damit prahlen, ein zentraler Verkehrsknotenpunkt direkt an der Interstate 405 zu sein. Natürlich, ein solider Beweis dafür, dass die breite Masse lieber durch den Bau von riesigen Nahverkehrsprojekten als durch individuellen Fahrkomfort überzeugt werden muss. Versteht mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur unnötig ist. Aber das Finden von Balance zwischen Innovation und Erhaltung der Landschaft wäre schon eine überdenkenswerte Richtung.
Wer könnte je den Charme von ruhigen Vororten verstehen, wenn sie doch bei jeder Gelegenheit durch technologischen Fortschritt geändert werden könnten? Entgegen den Erwartungen, dass so etwas nur in technikverliebten Mega-Städten passiert, schwappt dieser Fortschrittsdrang jetzt auch in die verschlafenen Gemeinden wie Redmond. Die vorgetäuschte Notwendigkeit solcher Großprojekte scheint dabei manchmal mehr kalkuliert als real. Denn brauchen wir wirklich alle diese luxuriösen Verkehrsknotenpunkte, während unsere Autos zu Hause friedlich vor sich hin schlummern?
Theoretisch soll der Bahnhof Emissionssenkungen unterstützen, indem er mehr Menschen dazu bewegt, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Aber Hand aufs Herz, werden in den 60er Jahren gebaute Infrastruktur und moderne Hybrid- oder gar Elektroautos nicht mehr leisten können? Ich wage zu behaupten, dass diese neue Verkehrsanbindung mehr Menschen anlockt, die dann in ihrem Eifer, den Bahnhof zu erreichen, auf der Interstate steckengeblieben, zusätzlichen Verkehr und letztlich mehr Emissionen verursachen.
Das wirtschaftliche Argument ist auch etwas, das immer wieder hochgehalten wird. Der Northeast 85th Street Bahnhof soll angeblich den örtlichen Immobilienmärkten einen Auftrieb geben. Aber hat man jemals darüber nachgedacht, ob die dort lebenden Menschen auch einen Anstieg der Immobilienpreise oder eine Zunahme des Verkehrsaufkommens wollen? Nicht zu vergessen der Verlust von jahrelang heißgeliebten Grünflächen, die mehr und mehr dem Ansturm dieser modernen Ansätze zum Opfer fallen.
Sicherlich wird uns gesagt, dass dies alles im Namen der Effizienz und Zugänglichkeit geschieht. Doch wer bleibt auf der Strecke? Diejenigen, die die Ruhe und den Frieden der kleinen Vorstädte suchten und nun inmitten eines Großprojekts leben müssen. Ein perfektes Beispiel dafür, wie man den Fortschritt auf dem Altar der Praktikabilität und des profitorientierten Handelns opfern kann. Das hörte sich wie ein Plädoyer gegen Veränderung an, aber ironischerweise ist das der Gipfel der sogenannten „Umweltfreundlichkeit“.
Am Northeast 85th Street Bahnhof ist alles auf Effizienz und Funktionalität ausgelegt. Keine Frage, dass die Bauten fortschrittlich und auf dem neuesten Stand der Technik sein werden. Doch wer fragt nach der Nachbarschaft, die unwiederbringlich verloren geht? Wer trauert um die verlorene Ruhe, wenn der nächste Zug heranrauscht? Solange das Streben nach ein bisschen Fortschritt als unausweichlich hingestellt wird, bleibt manch eine Frage auf der Strecke.
Northeast 85th Street Bahnhof ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die gute alte Zivilisation weiterhin alles in Bahn genommen wird, koste es was es wolle. Wen kümmert es, dass dieser Fortschritt von vielen als unwillkommener Räuber gesehen wird? Wen kümmert es, dass dadurch das lokale Lebensgefühl zerstört wird, solange wir ein weiteres modernistisches Paradies schaffen können? Immerhin liegt ja auch in der Zukunft die Lösung aller Probleme, oder?
Doch in einer sich immer weiter beschleunigenden Welt, in der Technologie die Zauberformel für jedes Problem sein soll, bleibt ein dumpfes Gefühl, dass Fortschritt nicht immer die gewünschte Waffe der Wahl ist. Was nach dem Versprechen aussieht, letztlich alles zu verbessern, erscheint mehr und mehr als Tauschhandel, bei dem die echte Kultur und Umgebung immer wieder im Hintergrund bleibt.