Glaubst du an Märchen? Solltest du nicht, denn im echten Leben gibt es kein Happy-End, das vom Himmel fällt. Das zeigt sich eindrucksvoll am Beispiel des „Nallah Mar“, einer Wasserstraße im Herzen von Srinagar, der Sommerhauptstadt von Jammu und Kashmir in Indien. Diese Wasserstraße war einst das Lebenselixier für Kultur und Wirtschaft der Region. Gegraben im 14. Jahrhundert durch Auftrag des Sultans Zain-ul-Abidin, verband es den Dal-See mit dem Fluss Jhelum und war ein Stolz der Region. Doch wie das so ist mit echten Heldengeschichten, schlug das Schicksal eine andere Richtung ein: Umweltverschmutzung, Misswirtschaft und politische Interessen haben Nallah Mar mittlerweile in eine ziemlich bittere Erinnerung verwandelt.
Das Drama beginnt mit der Verbohrtheit der ehemals Verantwortlichen, die sich um die Belange des Naturschutzes und der damaligen Anwohner herzlich wenig kümmerten. Schon in frühen Jahren litten die Wasserwege unter der Belastung durch anliegende Industrien und unzureichende Infrastrukturen. In den 1970er Jahren wurde entschieden, dass der Nallah Mar kein Platz mehr für Kultur und Wachstum sei. Er sollte einer Straße weichen, um dem „Fortschritt“ Platz zu machen. Fortschritt – ein Begriff der heute wohl mehr Hohn als Wahrheit verkörpert. Das Kanalsystem wurde zugeschüttet und asphaltiert, angeblich im Namen der Modernisierung. Doch wehe dem, der hinterfragt, ob der Preis das wert war! Heute sorgt die Straße nur noch für Stau und schlechte Luftqualität.
Warum dieses Thema dennoch kontrovers bleibt? Weil manche Leute Ernst jenen Opfern aufzwingen möchten, die sie ohnehin verstümmelt haben. Liberals mögen dies als „notwendigen Wandel“ feiern, doch viele Einheimische sehen sich um den ausgeschriebenen Schatz ihrer zuvor pulsierenden Gemeinden betrogen. Sei es die Entvölkerung der Region oder die Vertreibung traditioneller Händler – der Kettendynamik von Politik und Wirtschaft verdankt Nallah Mar seine prekären Verhältnisse. Man könnte meinen, dass dort, wo einst ein blühender Austausch von Waren und Ideen stattfand, sich heute nur noch Stille ausbreitet.
Aber ist es nicht genau das, was mancherorts gewollt ist? Man könnte spekulieren, dass es besser in die Agenda passt, den konformen Fernverkehr zu erhöhen, anstatt sich mit „wassergestütztem” Verkehr zu befassen. Früher gleiteten Boote über die Wasserstraße und transportierten alles von Seide bis zu Gewürzen; es war der Lebensnerv, der das Tal mit Wohlstand durchtränkte. Heute jedoch findet der Austausch nur noch stetig schrumpfend entlang der Asphaltpisten statt.
Vergessen wir auch nicht die Schäden an der biologischen Vielfalt. Selbstverständlich hat niemand jemals bedacht, wie entstandene Klimazustände das Gleichgewicht empfindlicher Ökosysteme gestört haben könnten. Fische und Pflanzen, die einst florierten, verblassten im Schatten der allmächtigen Betonung des Nutzens. Mit fortschreitender Zeit verliert die Region ihre natürlichen Ressourcen, ein trauriges Ende für diejenigen, die einst von ihrem natürlichen Reichtum profitierten.
In den Köpfen der Jugend verblasst der einstige Glanz des Nallah Mar, der sich bereits wie ein geplatzter Traum anfühlt. Aber vielleicht ist es genau das, was durch „moderne Verbesserungen“ erreicht werden musste. Die alteingesessenen Einwohner, die sich nach den glanzvollen Tagen sehnen, sehen den einst prachtvollen Kanal als ein Symbol verlorener Traditionen und Hoffnungen.
Aber keine Sorge! Pläne und Projekte zum Rückbau kommen und gehen; so erzählt die Bürokratie ihre eigene unendliche Geschichte. Zwischen Trägheit und Tintenfassrochen bleibt alles in Schwebe. Die Verlagerung der Prioritäten? Darüber kann man sich nur ärgern. Das Erbe des Nallah Mar lässt die Forderung aufleben, dass eine Erneuerung überfällig ist. Lange Zeit sprach man vom Wiederaufbau und der Rückkehr zu den Ursprüngen – aber das ist wahrscheinlich nur eine Illusion für eine andere Zeit.
Bedauerlich ist, dass dieser Abschnitt nicht nur ein städtisches, sondern auch ein kulturelles Phänomen in Angriff nimmt: Politiker schaffen Tatsachen und ziehen dann weiter, ohne den Hinterbliebenen eine zweite Chance anzubieten. Obwohl Rückeroberungen von Landstrichen und Gewässern weltweit durchgeführt wurden, bleibt Nallah Mar wie ein blinder Fleck in der städtischen Landschaft. So bewegt sich alles in Kreisen aus versäumter Wiedergutmachung – allerdings mit viel praktischer Gleichgültigkeit auf hoher Ebene.
Der Nallah Mar zeigt letztlich, wie Entwicklungen im Namen des Fortschritts nicht selten als Deckmantel für eigenwillige Interessen entfaltet werden. Es ist die Geschichte eines Verlusts im Herzen einer lebendigen Gemeinschaft, die nun zu einem Symbol geworden ist, für das, was passiert, wenn Nostalgie geopfert wird – für einen wenig nachhaltigen, vermeintlichen Mehrwert.