Monte Kali ist das beeindruckendste Symbol dafür, was passiert, wenn man über Jahre hinweg echten Fortschritt ignoriert. In Hessen, genauer gesagt in der Nähe von Heringen, wächst seit Mitte der 1970er Jahre dieser gigantische Berg aus Kali-Salzabfällen unaufhaltsam. Während die Welt von der Nachhaltigkeits-Rhetorik überschwemmt wird, steht Monte Kali da und erinnert uns daran, dass Reden einfach ist, Handeln dagegen nicht.
Man könnte fast meinen, Monte Kali sei eine Touristenattraktion, so zieht er die Blicke auf sich. Riesige weiße Haufen, die sich im Sonnenlicht blendend von der Landschaft abheben, wirken fast surreal. Aber die Realität dahinter ist weniger malerisch. Wir reden hier von Millionen Tonnen Abfall, die von K+S Kali GmbH stammen, einem Unternehmen, das in Deutschland seit über 100 Jahren existiert und das den immerwährenden Durst nach Dünger löscht.
Doch warum wird kaum ernsthaft über die Existenz dieses Berges debattiert? Ganz einfach. Die großen Energiewandel- und Umweltschutz-Diskurse bleiben häufig an den Oberflächenfragen hängen. Beispielsweise sind Bioplastik und Elektromobilität schicke Worthülsen, die nett in den medialen Diskurs einfließen. Aber sie vergessen die Tiefe der Altlasten, die wie unliebsame Leichen im Garten vergraben wurden. Damit beschäftigt sich kaum einer, zumindest solange es nicht einem PR-Post eines ‚grünen‘ Unternehmens nahe kommt.
Geschätzt etwa 32 Millionen Tonnen Salz türmen sich mittlerweile am Monte Kali auf. Und die Politik tut: nichts oder zu wenig. Manchmal sieht es so aus, als ob die regionale Politik das Problem absichtlich ignoriert, vielleicht in der Hoffnung, dass zukünftige Generationen das Problem rationaler anpacken. Man nennt es auch Wegsehen mit System. Man darf nicht vergessen, dass der Kaliabbau ein starker Wirtschaftssektor war und ist; Arbeitsplätze sind schließlich ein schlagendes Herz unserer Wirtschaft.
Umweltbewusstsein klingt für viele auf dem Papier gut, solange es keine Arbeitsplätze gefährdet. Natürlich ist das Unternehmen nicht allein verantwortlich. Das ist gewissermaßen eine kulturelle Krankheit: Dinge beiseite schieben, die unbequem sind. Naturgesetze interessieren sich allerdings wenig für diplomatisches Geplänkel. "Wie habt ihr diesen Berg des Schreckens erlaubt, solch eine Höhe zu erreichen?", könnte man empört fragen.
Währenddessen generiert der Berg sein eigenes Mikroklima aus Salzluft, was ironischerweise sogar gesundheitsfördernd sein soll. Aber das ist mehr ein angenehmer Nebeneffekt als ein ernstzunehmender Vorteil. Man stelle sich vor, wir könnten als Nation pragmatisch genug sein, rotzfrech einen solchen Abfallberg in eine ökologisch verträgliche Touristenattraktion zu verwandeln. Doch das geschieht nicht, weil man dann Verantwortung übernehmen müsste.
Obwohl der Monte Kali als leuchtendes Beispiel dient, zeigt Deutschland weltweit mit dem Finger. Das eingebildete Vorbild der ‚sauberen Landschaft‘ ist hier in Wirklichkeit ein Entwicklungsland. Stattdessen sollten wir uns fragen, ob wir unsere Ressourcen in die richtige Richtung konzentrieren.
Doch was passiert mit den davon abfließenden Salzlaugen, die die angrenzenden Flüsse und das Grundwasser belasten? Gelegentlich ein bisschen Regen, vielleicht eine milde Maßnahme hier oder da – aber auf jeden Fall keine bahnbrechenden Bemühungen, das Problem zu lösen. Alles bleibt vage und verschwommen wie der Horizont im Dunst der Kalklandschaft.
Sollte man Liberalismus tatsächlich ernst nehmen, indem man nur Themen anspricht, die unbedrohlich wirken? Wir ignorieren die Herausforderungen vor unserer eigenen Haustür, um uns als Weltverbesserer zu stilisieren. Unbequemes wird schlicht nicht auf die Agenda genommen.
In diesem Sinne kann man Monte Kali getrost als das sichtbarste Mahnmal deutscher Verantwortungslosigkeit betrachten. Ein echter Skandal, der eigentlich nicht sein müsste, wenn man den Worten auch Taten folgen ließe.