Haben Sie schon einmal davon geträumt, auf einem Hochseil zu tanzen, während eine ganze Großstadt fasziniert zuschaut? „Mirette auf dem Hochseil“ ist ein Kinderbuch, das von der amerikanischen Autorin Emily Arnold McCully geschrieben wurde und genau dieses aufregende Bild malt. Es spielt in einer europäischen Metropole des 19. Jahrhunderts, dort wo Freiheit und Abenteuer noch Abenteuer sein durften, bevor sie in eine rosarote Watte der Empörung eingewebt wurden. Dieses illustrierte Werk fing erste Leserherzen im Jahr 1992, doch die Geschichte könnte nicht weiter entfernt sein vom heutigen popkulturellen Sumpf.
Mirette ist die junge, aufstrebende Heldin, die von der zirkusartigen Welt des Hotelgäste verzaubert wird. Der geheimnisvolle Monsieur Bellini bringt ihr das Hochseil laufen bei – ein Akt, der Mut und Entschlossenheit erfordert, zwei Tugenden, die moderne Sensibilitäten gerne aus ihrer Erziehung verbannen möchten. Bellini, eine Art Mentor, ist nicht der übliche Unterstützer der seelischen Wellness, die heute so laut nach Diversitätsquoten ruft. Nein, er steht für eine Ära der Eigenverantwortung: ein Symbol harten Trainings ohne Netz und doppelten Boden. Erinnern Sie sich noch an den Wert solcher Tugenden? Junge Zuschauer der 90er jedenfalls schon.
Natürlich ist „Mirette auf dem Hochseil“ ein Kinderbuch, aber es in seiner Komplexität nur darauf zu reduzieren, wäre so, als würde man sagen, ein Buch über Dinosaurier handele nur von großen Reptilien. Es steckt so viel mehr darin. Der unaufhörliche Kampf zwischen Angst und Mut, ein Thema, bei dem selbst erwachsene Leser mit mitfühlender Nostalgie aufseufzen können. Während sich das moderne Narrativ auf Gefühle konzentriert, nimmt Mirette die Herausforderung, nur bewaffnet mit einer unerschütterlichen Haltung, an. Keine Therapiesitzungen, keine Online-Selbsthilfegruppen, nur absolute Entschlossenheit und ein fester Griff am Hochseil. Das ist klassische Selbstermächtigung.
Dieses Buch setzt einen Standard, den uns die Kuschelpädagogik der Gegenwart vergessen lässt. Kinder, die bei jeder Unsicherheit die Schere im Kopf finden, ja die fühlen sich gleich bedrängt, wenn man es wagt, von ihnen Eigensinn und Verantwortung zu verlangen. Mirette lernt von den Besten durch Beobachtung, nicht durch endlose Diskussionen über nichts sagende Vergleiche von sich selbst mit anderen. Sie kämpft ihren eigenen Kampf, und zwar mit einer Präzision und Klarheit, die man sich manchmal von so mancher heutzutage sozialisierten Generation wünschen würde.
Kein Wunder also, dass „Mirette auf dem Hochseil“ nicht das klassische Thema von Empörungsartikeln darstellt. Es strebt nicht nach politischer Korrektur oder Verbindungen zu einer regenbogenfarbigen Vielfalt, die alles mit einem breiten Pinsel der Selbstgerechtigkeit bemalt. Dieses Buch verteidigt das reale Streben nach individueller Performance und persönlichem Wachstum, etwas, was heute mehr als je zuvor fehlen mag.
Ein Klassiker offenbart sich nicht nur durch seine Relevanz für den Moment, sondern durch die immerwährende Aussage, worauf wirklich ankommt: Willensstärke, Zielsetzung und das Selbstvertrauen, seinen eigenen Weg zu finden, ohne dass einem eine Horde liberaler Weltenretter den Wind aus den Segeln nimmt. Mirette zeigt, dass wahre Stärke von innen kommt und dass Furcht vor dem Unbekannten nur dazu da ist, überwunden zu werden.
Vielleicht sollten wir also vor dem Seiltänzerkünstler und seiner Schülerin den Hut ziehen, gerade in einer Zeit, in der Hochseilakteure sowohl wörtlich als auch metaphorisch seltener werden. Die Versessenheit, ja, geradezu Besessenheit der modernen Gesellschaft mit der Erschaffung von Sicherheiten – seien sie sozial, finanziell oder psychologisch – lässt uns vergessen, dass die wirklich großen Sprünge im Leben und in der Kultur durch Risiken wachsen. Und hier probt Mirette das Gleichgewicht: Raus aus der Risikovermeidung, rein in die Welt des aufrechten Mutes.
Denn darum geht es letztlich im Leben und im Buch: Um den Mut, Dinge zu wagen, die größer sind als wir selbst. Und wer weiß, vielleicht lehnt sich deshalb die eine oder andere gutbetuchte Elite kopfschüttelnd zurück, wenn sie den intellektuellen Stoff schon allein in einem Kinderbuch wie „Mirette auf dem Hochseil“ entziffert. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass diejenigen, die die Höhen des Lebens auskosten, keine Seile brauchen, die durch politische Korrekturen gesichert sind.