Manchmal ist Hollywood wie eine mißratene Jugend – ständig bereit, uns eine bittere Pille politischer Korrektheit zu verabreichen, in schillernder Verpackung. So ist es auch mit 'Mädchen Gestört', einem Film, der 1999 unter der Regie von James Mangold erschien und auf dem gleichnamigen Memoiren-Pseudodrama von Susanna Kaysen basiert. Angelina Jolie spielte darin eine verhaltensauffällige Rebellin, und die stets melancholische Winona Ryder übernahm die Hauptrolle der Susanna. Gedreht in den Kulissen von Virginia und Pennsylvania, erfreute sich der Streifen sofortigen Erfolgs und wurde schnell zum Kulturphänomen. Doch ist dieser Film wirklich der Meilenstein der weiblichen Emanzipation, als der er gefeiert wird, oder verhüllt er in einer Hülle aus künstlerischem Anspruch eine ganz andere Wahrheit?
Wer genau hinsieht, erkennt, dass 'Mädchen Gestört' weniger ein Triumph weiblicher Selbstfindung als vielmehr eine absurde Darstellung der Katharsis ist. Statt das Retten psychisch kranker Jugendlicher behutsam zu erkunden, tanzt der Film auf einem schmalen Grat zwischen lapidarer Darstellung und voyeuristischem Elendstourismus. Als wäre sämtlicher Fortschritt der Psychologie nie mehr wert gewesen als ein paar dramatisch inszenierte Filmminuten für die große Leinwand.
Hollywood's Versuch, der Redefreiheit und Meinungsoffenheit gerecht zu werden, endet gerne in einem Klischee-Feuerwerk. Besonders wenn man bedenkt, dass viele der behandelten Themen kaum die Oberfläche der eigentlichen Probleme durchbrechen. Natürlich kann man sich vom Staraufgebot blenden lassen, doch wird man dann kaum umhin kommen, sich zu fragen: Was genau sagt eine Angelina Jolie, die für ihre Rolle als 'böse Mieze' Lisa einen Oscar gewann, über den Alltag in psychiatrischen Einrichtungen aus? Nun, nicht viel, außer jeder Menge Glamour und Betroffenheitsmüll, der letztlich nur dazu dient, die Kinokasse zum Klingeln zu bringen.
Das Problem ist doch, dass mangels tiefergehender Beschäftigung mit den Kernthemen echte psychische Störungen als absonderliche Unterhaltung verkauft werden. Der Film zeigt uns nicht, wie echte Heilungsprozesse aussehen. Stattdessen versprüht er den Charme eines missglückten Alice-im-Wunderland Trips, wo niemand wirklich gesund wird, sondern die Absurditäten der psychischen Behandlung gefeiert werden. Steht hier etwa der Wille zur Sensibilisierung im Vordergrund? Eher nicht. Statt Sensibilität gibt es Seelenstriptease für den Ambitionierten. Doch dieser wird mit Sicherheit keine bahnbrechenden Erkenntnisse in puncto mentale Gesundheit gewinnen.
Doch halten wir einmal einen Moment inne. Ist es wirklich Hollywoods Aufgabe, uns universell gültige Wahrheiten zu vermitteln? Der Unterhaltungswert steht offenbar über solchen Anwandlungen. 'Mädchen Gestört' mag sich progressiv geben, doch subversiv verwandelt er komplexe Thematiken in ein kurzlebiges Flickwerk der Pose. Sagen wir es frei heraus: Anspruch ohne Substanz ist kein Fortschritt.
Man kann den Film daher schwerlich für seine künstlerische Wertigkeit loben, ohne dabei die unausgesprochenen Ohnmachtszeichen der handelnden Figuren zu übersehen. Clever oder manipulativ? Eine müßige Frage. Was zählt, ist, dass gesellschaftliche Probleme nicht der Befindlichkeiten williger SelbsttherapeutInnen dienen sollten.
Nun, abseits der verhanselten Hollywood-Blase erkennt man schnell, dass das Streifenplätzen von 'Mädchen Gestört' sich kaum mit der Lebensrealität von Menschen mit ernsthaften psychischen Erkrankungen deckt. Die Darstellung von Psychiatrie als Spannungsboden für explosive Charakterdramen verfehlt in meinen Augen den Respekt vor der ernsthaften Durchdringung einer Problematik. Ein großer Bogen wird um die eigentlichen Tiefen der Geistesleiden gemacht, wenn uns Kaysens Geschichte in Filmform als gespielter Psychokitsch aufgetischt wird.
Wer sich an diesem Punkt aufregt, dem sei Folgendes gesagt: Geschichten sollten nicht rein in Schwarzweiß gemalt werden, und dennoch scheint 'Mädchen Gestört' genau das zu tun. Sicherlich, die Bretter, die die Welt bedeuten, bieten die eine oder andere hervorragende Darstellung. Doch der allzu brave Aufstieg von Ryder auf der Klaviatur schauspielerischer Gefühlsausbrüche versinkt leider bald schon in apathischem Stillstand. Ob Liberale das hören wollen oder nicht, die Kraft eines solch aufgeblähten Spektakels schmilzt dahin, wenn Show mehr zählt als Substanz.
Am Ende bleibt ein Nachgeschmack in der Kehle, ein Gefühl der Unvollständigkeit. 'Mädchen Gestört' ist weder Katharsis noch Katalysator für tiefere Einsichten in die verwickelte Welt psychischer Realitäten. Lieber setzt es auf die Wucht des Augenblicks und die Illusion der Befreiung, wo keine ist. Das grenzt schon fast an Irreführung. Wir könnten sagen, ein Schneesturm sei eine Blumenblüte – vielleicht wäre das genauso ehrlich. Was bleibt, ist ein fragmentiertes Lichtspiel, das verspricht, aber am Ende enttäuscht. Trotz alledem: Sollte man es sehen? Ja. Doch nicht, weil es Antworten bietet, sondern weil es eine ungewollte Lehrstunde ist, wie man psychische Komplexität nicht darbieten sollte.