Das Leben ist ein ewiger Krieg, in dem Frieden oft nur eine Illusion bleibt. So könnte man den Film "Leben und Nichts Mehr" zusammenfassen. Dieser Anti-Kriegsfilm von Bertrand Tavernier bringt uns zurück in eine zerrissene und traumatisierte Nachkriegswelt, nämlich Frankreich im Jahr 1920. Die Geschichte erzählt von einem Major Dellaplane, gespielt von Philippe Noiret, der eine unmögliche Mission hat: Überlebende und gefallene Soldaten in einem ertrunkenen Meer aus Akten und Erinnerungen zu finden. Seine Suche ist unerbittlich und zeigt den Tod und das Nichts als tägliches Brot.
"Leben und Nichts Mehr" entblößt die Realität so zynisch, dass manch ein Weichherziger sich fragen würde, ob diese Botschaft zu radikal sei. Tavernier hält kein Blatt vor den Mund und konfrontiert uns mit verlorenen Seelen und vergrabenen Wahrheiten. Manche Filme streben danach, in den Zuschauer ein Gefühl von Hoffnung und Erlösung zu erwecken. Doch nicht dieser. Hier geht es vielmehr um Trauer und Aufarbeitung. Der Film wahrt die Tatsache, dass die Schrecken des Krieges nicht durch kitschige Versöhnung geheilt werden können.
Es stellt sich die Frage, warum so viele Menschen vor solchen Realitäten zurückschrecken. Warum ziehen es manche vor, ihre Köpfe in den Sand zu stecken und auf eine glitzernde Zukunft zu blicken, während die Vergangenheit unaufgearbeitet bleibt? Durch die Charaktere von Dellaplane und Irene, wunderbar gespielt von Sabine Azéma, wird genau dieser Konflikt ausgetragen. Sie stellt ihm Fragen, die jeder, der das Leben schätzt, sich stellen sollte: Warum suchen sie weiter? Warum klammern sich Menschen an eine Vergangenheit, die niemals zurückkehren wird?
Nun wäre es einfach, diesen Film als einen weiteren Anti-Kriegsfilm abzutun. Aber genau darin liegt sein Genie: Er ist keine Plakatkampagne gegen den Krieg. Vielmehr zeigt er, dass Krieg und Frieden ineinanderfließen. Während der eigentliche Konflikt vielleicht beendet sein mag, setzt sich der persönliche Krieg in vielen Seelen fort. Dellaplane wird somit zum Archetyp des ewigen Suchers, der niemals zur Ruhe kommen wird, weil sein Ziel immer unerreichbar bleibt. Ein Sinnbild für zahlreiche Menschen, deren Trauer niemals enden wird.
Die filmische Sprache von Tavernier überrollt uns mit Bildern, die deutlich machen, dass der Frieden nie wirklich eintritt. Diese "Friedenszeit" zeigt uns das wahre Gesicht eines Landes, das noch lange unter der Gewissheit begraben bleibt, dass der Verlust bleibt. Dies ist keine Vision, die nach "liberaler" Hoffnung schreit. Sie hält den Spiegel der Wirklichkeit vor Augen.
Ein bemerkenswertes Element ist die Art und Weise, wie der Film unsere Aufmerksamkeit auf die weniger Beachteten lenkt. Die Soldaten sind Helden, unsichtbar im Schatten des Ruhmes. Die Frauen sind Mütter, Schwestern und Geliebte, die Fragen stellen, weil sie die Antworten verdienen. In dieses Drama webt sich die subtil brutale Erkenntnis, dass, wenn Kanonen verstummen, die Sprachlosigkeit darüber, was wirklich zählt, bleibt. Ruhm und Heldenmut verblassen, und die wahren Opfer sind jene, die des wartenden Schweigens ausgeliefert sind.
Was "Leben und Nichts Mehr" noch eindrücklicher macht, ist, dass er sich weigert, sich den typischen Konventionen der Filmindustrie zu beugen. Kein Happy End, keine Erlösung. Stattdessen fordert er seine Zuschauer heraus, sich mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten auseinanderzusetzen. Ein Film, der nicht gefallen will, sondern zum Nachdenken zwingt. Die Enttäuschung jener, die eine moralisch befriedigende Katharsis erwarteten, kann man fast spüren.
Der Film ist eine Hommage an den ewigen Kampf gegen das Vergessen. Er zeigt, dass Heldentum nicht laut schreit und dass die größten Schlachten nicht auf Schlachtfeldern, sondern in Herzen ausgetragen werden. Tavernier hat nicht einfach ein Drama inszeniert; er hat alte Wunden neu aufgerissen, um zu zeigen, dass manche Dinge niemals verheilen.
Man könnte darüber diskutieren, ob so ein Film aktueller ist denn je. Die Fragen des Verlierens und Vergessens sind universell – sie gelten nicht nur für die zerstörten Leben in Taverniers "Leben und Nichts Mehr", sondern auch für unsere eigene Welt. Eine Welt, die allzu oft vom Glanz des Neuen geblendet ist und dafür die Schatten ignoriert.
In "Leben und Nichts Mehr" erleben wir mehr als nur die Nacktheit menschlicher Brutalität. Wir sehen in die Abgründe und die alltägliche Monotonie derer, die weiterhin auf Sinnsuche sind – ohne jemals die Hoffnung ganz zu verlieren, selbst wenn sie uns weismachen möchte, dass sie gar keine Hoffnung gibt.