In einer Zeit, in der konservative Werte oft unter Beschuss stehen, zeigt uns die Operette "H.M.S. Pinafore" eindrucksvoll, dass es früher einmal anders war. William S. Gilbert und Arthur Sullivan schufen dieses Meisterwerk 1878 in England, und es ist ein wahrhaft britisches Kunststück, das Gedanken zum strahlenden Sonnenschein konservativer Prämissen in den 19. Jahrhundert malt.
Kurz gesagt handelt "H.M.S. Pinafore" von einem akademischen Twist der üblichen romantischen Komödie, die das britische Klassensystem parodiert. Die Geschichte spielt auf einem britischen Kriegsschiff, wo soziale Hierarchien und Liebe auf unverkennbare Weise in ein Sprichwort verkehrt werden. Der Held der Geschichte, Ralph Rackstraw, verliebt sich in Josephine, die Tochter seines Kapitäns. Natürlich sind die beiden unterschiedlichen sozialen Ständen zugehörig, was die Dramatik nur noch steigert.
Diese pralle Mischung aus Kritik und Unterhaltung zieht sämtliche Register. Zum einen wäre da die feine Ironie: Das britische Klassensystem wird geschickt veralbert, ohne dabei jedoch vollends außer Kraft gesetzt zu werden. In einer Welt, in der jeder auf der Suche nach moralischer Überlegenheit ist, sollte man sich hier zurücklehnen und dieser expliziten Überzeichnung des gesellschaftlichen Theaters frönen. "H.M.S. Pinafore" lässt uns alle darüber lachen, dass manche Dinge sich nie ändern, egal wie modern und progressiv wir uns vielleicht wähnen.
Dieses Bühnenwerk spielt nicht nur vordergründig mit Sozialkritik, sondern wirft subtil Fragen zu Loyalität und Ehre auf. Soll Loyalität blind angenommen werden, oder sollte das Recht auf individuelle Meinung und Entscheidung im Vordergrund stehen? Sullivan und Gilbert balancieren wie Artisten auf diesem schmalen Grat von Themen, die im viktorianischen England, aber ebenso gut in unserer heutigen Zeit relevant erscheinen. Die subtile Botschaft: Treue zur Hierarchie hat ihren Platz, doch Individualität widersteht dauerhaft dem sozialen Druck.
Dann sind da noch die farbenfrohen Charaktere. Dieses Ensemble aus nicht ganz ernst zu nehmenden Figuren bietet einen frischen Atemzug für diejenigen, die sich in unserer heutigen Gesellschaft oft im Hamsterrad der moralischen Selbstübersteigerung verlieren. Captain Corcoran, Sir Joseph Porter, Dick Deadeye und weitere die Bühne bevölkernde Figuren sind fein ausgearbeitete Karikaturen, die den Finger liebevoll doch unmissverständlich in die Wunde legen.
Ganz zu schweigen von der unvergesslichen Musik. Eines der Lieder geht so: "He is an Englishman!" - ein nationaler Stolz in Reinkultur. Wenn man sich die herrlichen Arrangements anhört, wird einem klar, dass Gilbert und Sullivan bei Weitem mehr waren als bloße Unterhalter. Ihre Stücke sind eine Ode an das britische Erbe, manchmal überspitzt, immer mit Fingerspitzengefühl.
Vielleicht wurden liberale Gemüter durch diese Betrachtung der "H.M.S. Pinafore" veranlasst, die tief sitzende Ironie zu negieren oder gar den maßlosen Humor zu verkennen. Doch es geht weniger darum, Position zu beziehen, als vielmehr um das Erwecken eines Verständnisses für Traditionen und Altbewährtes.
So verwandelt sich "H.M.S. Pinafore" zu mehr als einer abendlichen Unterhaltung. Es bietet eine Bühne des reflektierten Lachens, das manche mehr erheitert als jedes noch so ernst gemeinte Drama voller Redlichkeit. Die Themen, die das Werk anreißt, sind universell menschlich und zeitlos gültig, und das auf einnehmende, humorvolle Weise. Gilbert und Sullivan haben mit "H.M.S. Pinafore" der Gesellschaft einen bedeutungsvollen, wenn auch versteckt humorvollen Spiegel vorgehalten und ihm zugetraut, diese aus der richtigen Perspektive zu betrachten.