Gu Kailai ist vielleicht der faszinierendste Charakter, den China je hervorgebracht hat, und das in einem Land voller faszinierender Charaktere. Als berüchtigte chinesische Juristin und Ehefrau des ehemaligen Regierungsbeamten Bo Xilai war sie die Protagonistin einer Seifenoper, die nicht einmal die wildesten Drehbuchautoren hätten ersinnen können. 2012 wurde sie wegen des Mordes an dem britischen Geschäftsmann Neil Heywood verurteilt, ein Fall, der sich weit über Chinas Grenzen hinaus Schockwellen versendete. Im glamourösen Schmelztiegel von Pekings mächtigen Kreisen zählte Kailai zu den Schlüsselfiguren, die es zu kennen galt, bis sie alles aufs Spiel setzte und China die verwundbare Seite seiner politischen Elite zeigte.
Man kann sich fragen, wie eine gebildete, gut vernetzte Frau wie Gu Kailai in ein solches Dilemma geriet. Geboren als Tochter eines hohen Kaders wuchs sie mit einem silbernen Löffel im Mund auf, wenn auch in sozialistischer Manier. Mit einer Ausbildung in Recht ließ ihre brillante Karriere nicht lange auf sich warten. Dennoch zeigt ihr Abstieg, dass Gier und Macht einen hohen Preis haben können, selbst für die scheinbar Unantastbaren.
Kailais Fall zeigt, wie rücksichtslos der Kampf um Macht auf internationalen Bühnen sein kann. Der Mord an Heywood deckt die verwobenen Netzwerke von Geschäftemachern, Proxies und korrupten Beamten in China auf. Wer glaubt, dass solche Schachspiele jenseits von Betonmauern und protokollierten Konferenzen geschehen, irrt sich. Gu Kailai zeigt, dass politische Macht auch im 21. Jahrhundert oft mit Blut bezahlt wird. Dass es zu einem Gerichtsverfahren kam, ist an sich schon eine Seltenheit in einem autoritären Staat wie China, wo Aufruhr meist im Keim erstickt wird.
Auch über die wirtschaftliche Nähe zu Heywood wird spekuliert, wobei ihre geschäftlichen Verbindungen unweigerlich zum Schlüssel für die gesamte Affäre geworden sind. Kailai hat keinen Mangel an finanziellen Anlagen innerhalb und außerhalb Chinas, und diese Umstände könnten sich als äußerst nützlich erweisen, wenn man in königlichen Kreisen operiert.
Analysiert man Kailais Einfluss im politischen Kreis, so zeigt sich ein schändliches Bild des immer noch existierenden Umfangs von Korruption und Günstlingswirtschaft in China. Während die Liberalen oft predigen, dass Transparenz und Reform der Ausweg aus solchen Albtraumszenarien seien, ist der Fall Gu Kailai ein blutiges Beispiel dafür, dass starke Führer durch massive interne Veränderungen und nicht durch politische Correctness entstehen.
Dem Drama hinzu fügt sich ein globaler Twist: Erbarmungslose wirtschaftliche Rivalitäten auf der einen Seite, Kollaborationen zwischen Mächtigen im geopolitischen Spiel auf der anderen. Der Tod von Heywood leitete einen Prozess ein, der nicht nur Chinas innerste Kreise erschütterte, sondern auch die internationalen Beziehungen beeinträchtigte. Die Verurteilung von Gu war mehr als nur eine juristische Formalität. Sie war ein Signal! Ein Zeichen an die Welt, gepflegt wie eine Propagandaoffensive, dass niemand unantastbar ist, nicht einmal die mächtigsten Apparatschiks.
Wie immer in Geschichtsbüchern wird das wahre Gesicht von Manipulation und Machtmissbrauch erst viele Jahre später sichtbar – doch der Fall Gu Kailai hinterlässt bereits sichtbare Kratzer im einst glitzernden Lack von Pekings Büros und Ballsälen. In einer Zeit, in der sowohl nationale als auch internationale Felder zunehmend von undurchsichtigen Netzwerken kontrolliert werden, führt keine Spur von Gu Kailais Fußstapfen in Richtung Heilung – ein Unterfangen, das nur durch echte Stärke, nicht durch Oberflächlichkeiten, erreicht wird.