Wenn man an Kulturen denkt, die nicht nur aus den Fugen geraten, sondern auch noch die Weltanschauungen auf den Kopf stellen, dann fallen einem nicht selten die "Gemeinschaften der Zwölf Stämme" ein. Diese religiösen Gemeinschaften, die ihre Ursprünge in den 1970er Jahren in den USA haben, sind nicht nur berüchtigt, sondern auch faszinierend. Aber warum existieren sie noch? Gegründet von Eugene Spriggs, streckten sie ihre Fühler schnell aus und erreichten Deutschland in den 1990er Jahren. Ihre Anhänger leben in einer abgeschotteten Welt, die nach ihren Regeln und dogmatischen Ansichten funktioniert, und das innerhalb unserer vermeintlich pluralistischen Demokratie. Da fragt man sich: Sollten wir sie wirklich ernst nehmen?
Fans der Zwölf Stämme behaupten, dass sie die Reinheit in einer korrumpierten Welt bewahren, und das in einer Art und Weise, auf die unsere 'liberale' Gesellschaft nur wütend mit dem Finger zeigen kann. In dieser Parallelwelt wird Konsum verpönt, traditionelle Rollenverteilungen werden gelebt und die Erziehung der Kinder erfolgt fernab vom Mainstream. Man könnte meinen, sie hätten aus dem Bilderbuch einer idealisierten konservativen Gesellschaft abgeschrieben.
Die Schwäche unserer modernen Erziehungssysteme wird von ihnen schamlos ausgenutzt, denn die Kinder der Zwölf Stämme besuchen keine regulären Schulen. Stattdessen erhalten sie eine spezialisierte, handverlesene Bildung durch Mitglieder der Gemeinschaft. Warum? Ganz einfach – um die bösen Einflüsse der Außenseiter fernzuhalten. Man kann darüber streiten, wie erfolgreich das wirklich ist. Doch während die Welt immer komplizierter wird, zeichnet sich hier eine Rückkehr zu einer einfacheren Lebensweise ab, die längst nicht mehr mit den Werten der modernen Gesellschaft im Einklang steht.
So problematisch das alles klingen mag, die Mitglieder finden auch Gefallen an ihrem Leben. Warum auch nicht? Sie sind Teil einer Gemeinschaft, die ihnen Sicherheit und Geborgenheit gibt, etwas, wonach wir alle im Prinzip suchen. Und während das für Außenstehende wie eine strikte und beschränkte Lebensweise erscheint, sehen sie es als Zeichen wahren inneren Friedens. Angeblich gibt es keine Suchtprobleme, keine übermäßigen Scheidungsraten und keine Kriminalität – Dinge, die man in einer profitgierigen, westlichen Gesellschaft reichlich finden kann.
Der Sicherheitsaspekt wird großgeschrieben, da sie sich selbst als Hüter einer wahren Lebensführung verstehen. Das Zusammenleben ist stark strukturiert, ähnlich einem Bienenschwarm, wo jeder seine Funktion hat. Die allgemeinen Regeln der Mehrheit scheinen hier keine Gültigkeit zu haben, und das ist vielleicht die eigentliche Attraktion für die, die den Anschluss an das Außen verloren haben oder ihn nie hatten.
Leben in einer solchen Großfamilie bringt aber auch rechtliche Herausforderungen mit sich, insbesondere wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht. Die harsche Erziehungsmethoden, sogar körperliche Züchtigungen, sorgten bereits mehrfach für Schlagzeilen und führten in einigen Ländern zu Verboten und polizeilichen Maßnahmen. Doch das scheint die Gemeinde nicht zu brechen, sondern sie ziehen weiter.
Ein häufiger Einwand gegen ihre Gemeinschaften ist der absolute Gehorsam, den sie von ihren Mitgliedern erwarten. Der Weg der Zwölf Stämme scheint nur nach einer Richtung zu führen: bedingungslose Hingabe an die eigenen Prinzipien, selbst wenn sie gegen bestehende Gesetze und Konventionen verstoßen. Kritiker führen das gerne ins Feld, aber was, wenn diese Hingabe ihnen einen höheren Zweck dient?
Ein weiteres Argument der Gemeinschaft ist, dass sie ökologische und nachhaltige Lebensstile unterstützen. In Anbetracht der Tatsache, dass unsere Welt von umwelttechnischen Desastern geschüttelt wird, könnte man meinen, sie seien Vorreiter einer besseren Welt. Da gibt es keine Plastikflaschenberge oder überdimensionale CO2-Abdrücke. Das sollte man anerkennen, während wir selbst noch in Plastikmüll ertrinken.
In der Welt der Zwölf Stämme ist das Ziel ihrer Existenz klar definiert: eine Utopie auf Erden, basierend auf den Lehren der Bibel, die sie als unveränderlich und zeitlos ansehen. Wer sich ein Bild von unserer durch Komplexität erstickten Zivilisation machen will, sollte genauer hinschauen. Ja, es gibt Gefahren und ja, sie mögen aus der Zeit gefallen wirken. Aber wer will der sein, der den ersten Stein wirft?
Warum also sollte man über diese Gemeinschaften so unbedacht urteilen? Ihre Existenz und Überzeugungen sind ein Weckruf und eine Herausforderung zugleich, uns zu fragen, was in unserer eigenen Gesellschaft schief läuft. Schließlich könnte man auch sagen, dass ihre Methoden eine radikale Antwort auf die offenkundigen Gebrechen einer degenerierenden Zivilisation sind, die ihre Wurzeln in Chaos und Gier sucht.