Drei Werbetafeln: Das liberale Amerika im Spiegel seiner Doppelmoral
Kino kann manchmal ganz schön auf die Nerven gehen, wenn die Message auf dem Popcorn kleben bleibt. 'Drei Werbetafeln außerhalb Ebbing, Missouri' ist so ein Film, bei dem Regisseur Martin McDonagh quer durch die liberalen Lande des amerikanischen Mainstreams pflügt. 2017 erschien dieser Film als scheinbar mitfühlendes Drama über eine verzweifelte Mutter, Mildred Hayes, die in einer fiktiven kleinen Stadt Ebbing in Missouri der Justiz Beine machen will, um den Mord an ihrer Tochter Angela aufzuklären. Also, was macht sie? Sie mietet drei gigantische, fast verlassene Werbetafeln am Stadtrand und kritzelt nichts weniger als einen Frontalangriff darauf: Warum der örtliche Sheriff William Willoughby, gespielt von Woody Harrelson, nichts tut, um den Mörder ihrer Tochter zu schnappen.
Jetzt wird es spannend: Man könnte meinen, einen Film über einen verzweifelten Kampf um Gerechtigkeit zu sehen, der Autoritäten scharf kritisiert, wäre ein Paradebeispiel für Substanz im Kino. Doch dieser Film verheddert sich in den Schlingen seiner eigenen liberalen Ideologie, was die wirkliche sarkastische Satire an der Sache ist. Lass uns mal zehn Gedanken durchgehen, die den liberalen Filmliebhabern sauer aufstoßen könnten.
Der unbarmherzige Frieden: Mildred, gespielt von Frances McDormand, kämpft für eine große Sache: die Aufklärung des Mordes an ihrer Tochter. Aber Moment mal, geht es wirklich darum? Anstelle Gerechtigkeit zu suchen, wird der Film graduell zu einem Racheakt in Egomanie getränkt. Hier fragt man sich: Schiebt dieser Akt der Selbstjustiz, verpackt als moralisch, das Verlangen nach echtem Rechtsstaatlichkeitsprinzip nicht beiseite?
Die Repräsentation der Polizei: Für all die liberalen Kritiker da draußen, die gerne alles anschwärzen, was sich Staat nennt, passt dieser Film wie die Faust aufs Auge. Sheriff Willoughby, ein Mann, der ehrlich sein Bestes tut, wird durch verkniffene Schriftzüge an Pranger gestellt. Kollektivschuld in Perfektion, mag man meinen. Was macht das mit der Moral? Jeder, der an Gerechtigkeit durch die Polizei glaubt, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.
Feministisches Paradox: Mildred ist die starke, unabhängige Protagonistin. Doch im Angesicht der guten alten Gender-Theorien könnte man argumentieren, dass der Film eine sture Pro-Kopf-durch-die-Wand-Mentalität verherrlicht und auf die Kraft und Wertschätzung von gesellschaftlichem Konsens und Dialog pfeift.
Provokation für das große Ganze: Diese riesigen Tafeln sind ein subtiles Bild für Meinungsfreiheit – oder etwa nicht? An dieser Stelle scheinen die Botschaften nicht das Ziel einer Debatte zu sein, sondern sie sind nur Katalysatoren fürs Chaos.
Choreographie des Chaos: Wer hier von Subtilität träumt, wird enttäuscht. McDonaghs Kunstwerk ist durchsetzt mit einem bösen, rauen Ton, der den Zuschauer in eine postliberale Grauzone zwischen Opfer und Täter wirft. Der Filmgänger bleibt mit einer faszinierenden, aber düsteren Ahnung zurück, dass Zynismus wehtut, aber nicht heilend ist.
Wann ist die Community gefordert? Immer dieselbe unoriginelle Leier: Ein Mann steht stellvertretend für das System, welches er entschuldigen muss – gemeint ist der Sheriff. Verstaubt und unoriginell, wie Gesellschaftskritik hochgespielt wird, während es dem Gemeinwesen an den Kragen geht.
Heldin oder Antiheldin? Mildred, die aggressive Mutter, wird zur Virtuosin der Manipulation. Indem sie ihrer Umgebung nach dem Mund redet, verbirgt die Maschine des Rache-Plakats eines dermanipulativsten Modelle.
Schwarz-Weiß-Färbung: In einer wahrhaft polarisierten Gesellschaft mischt dieser Film munter weiter, bis die Grautöne einzelner Charakteren ausgeschlossen scheinen. Man geht den bequemsten Weg zu Lobby-Denken und platten Auseinandersetzungen.
Die Film-Moral: Was bleibt übrig? Ein Lob auf die Selbstjustiz kommt nicht ohne Fragezeichen aus. Hat man wirklich für Opfer wie Angela eine gerechte, ehrliche Lösung gefunden?
Keine symbolische Freiheit: Die drei Tafeln stehen fest, aber gleichzeitig für ein 'Wir haben's nicht nötig' und 'Gnade dem, der anderer Meinung ist'. Die Menschen in der realen Welt würden vielmehr von Kompromiss und kollektivem Dialog profitieren.
Dieser Film bietet viele Interpretationsansätze. Während er vorgeblich für Individualität und Eigenleistung wirbt, ist er gleichzeitig ein beeindruckend gelungenes Puzzle der Ironie und Doppelmoral. Da staunt man nicht schlecht: All das Drama, nur um am Ende festzustellen, dass wichtige Aspekte wie Gemeinschaft und Vergebung in der realen Welt die tatsächlichen Sieger sind.