Kann eine TV-Show wirklich mehr tun, als uns einfach nur ein paar Stunden zu unterhalten? 'Die Gesellschaft, in der Du lebst' will das jedenfalls versuchen. Dieser deutsche Serienhit bringt unser Alltagsleben, so wie es die deutschen Drehbuchautoren sehen, in die Wohnzimmer der Nation. Die Serie folgt dem Leben mehrerer Charaktere, die in einer modernen deutschen Stadt leben, und bietet damit eine angeblich realistische Darstellung unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen. Oft läuft die Serie abends auf einem der großen Sender und zieht Woche für Woche Millionen von Zuschauern an. Sie denkt tiefschürfend über die Herausforderungen der urbanen Existenz nach, „malt es sich aber ziemlich zweidimensional aus“.
Erstens: Der sozialkritische Stempel ist ein beliebtes Stilmittel. Man muss nur den Fernseher einschalten, und schon wird man an das Feindbild „traditionelle Werte“ erinnert. Diese Show ist kein Ausnahmefall. Vielmehr ergötzt sie sich daran, die Frage zu stellen, ob es in Ordnung ist, mit gewissen Tugenden, die uns hierzulande einmal ausgemacht haben, zu brechen. Wer einmal hinters Skript schaut, merkt schnell, dass hier die Werte der 68er Generation, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne, lebendig geblieben sind.
Zweitens: Die Charaktere. Stereotypen erwecken in dieser Serie Leben. Wir haben den ewig rebellischen Jugendlichen, den altmodisch denkenden Unternehmer und die kompromisslose Feministin, die jeder Unterhaltung eine Prise Gift und Empörung hinzufügt. Diese übertriebenen Darstellungen sollen zum Denken anregen, schießen dabei aber oft über das Ziel hinaus und verfehlen die Realität.
Drittens: Die Besessenheit mit Problemen. In jeder Folge kämpft die Serie mit Themen wie sozialer Ungerechtigkeit, Umweltproblemen und digitaler Vernetzung. Echte Probleme, keine Frage. Doch tritt dabei Eigenverantwortung oft in den Hintergrund. Denn scheinbar müssen weder hart arbeitende Bürger noch fleißige Schüler in dieser Fernsehwelt persönliche Verantwortung übernehmen; schließlich hat die Gesellschaft anscheinend die ganze Schuld zu tragen.
Viertens: Die kulturelle Agenda. Oft wird uns in ‚Die Gesellschaft, in der Du lebst‘ ein „Bunt-ist-besser“-Bild angeboten, als wäre Multikulturalismus die Lösung für alle sozialen Probleme. Indes werden dabei Spannungen schlicht übergangen und idealisiert statt realistisch aufgearbeitet. Eine Herausforderung, die man nicht leugnen sollte, werden Altbewährtes und bewusst eingefühlte Werte aus tradierter Weitsicht schlicht übergangen.
Fünftens: Die hohe Kunst der Überzeichnung. Jeder Handlungsstrang könnte nicht in deutlicheren Farben gemalt sein. Beinahe jede Episode scheint zu einer Diskussion darüber führen zu wollen, was moralisch einwandfrei und was absoluter moralischer Niedergang ist. Besonders spannend ist, dass die Serie dabei nicht mal davor Zurückschreckt, den Zuschauer durch platte Slogans förmlich zum Einsatz eines Buzzer-Spiels zu animieren. Bei all den Plattitäten bleibt kaum Raum für subtilere künstlerische Interpretationen.
Sechstens: Politischer Unterton. Viele Folgen scheinen mit einer politischen Agenda behaftet zu sein, ohne dass diese explizit ausgesprochen wird. Ob es um die vermeintliche Ungerechtigkeit in Wirtschaft und Politik geht oder um die Schieflage in den Geschlechterfragen, die Serie lässt kaum ein politisch heißes Eisen aus. Dabei wirken die Lösungsansätze, die angeboten werden, oft simpel und oberflächlich.
Siebtens: Feindphantasien. Es wird klar, dass die Existenz von „dem Anderen“, sei es der böse Boss oder der alte, konventionelle Patriarch, entscheidend für die Serie ist. Dabei bleibt die Frage offen, ob es auch in der realen Welt hilft, sich stetig an Feindbildern abzuarbeiten.
Achtens: Der sogenannte Fortschritt. Immer wird suggeriert, dass die Zukunft nur dann erlebenswert ist, wenn man mit bisherigen Konventionen bricht. Fundamente, auf denen unsere Gesellschaft Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, aufgebaut wurde, weichen damit einer unklaren Vision von freier Wahl und Selbstentfaltung.
Neuntens: Wo bleibt die Geschichte? Oftmals bleibt die eigentliche Handlung auf der Strecke und es scheint, als sei es wichtiger, eine ethisch korrekte Botschaft zu übermitteln, als eine spannende und kohärente Geschichte zu erzählen. Diese Fixierung auf die Botschaft lässt den reinen Spaß und das Vergnügen, welches eine Serie bieten sollte, meist auf der Strecke.
Zehntens: Ein Spiegelbild unserer Zeit - oder doch nicht? Die Frage bleibt: Ist ‚Die Gesellschaft, in der Du lebst‘ ein Abbild unserer Realität oder eine überzeichnete Vision, die dazu dient, eine bestimmte Agenda voranzutreiben? Sicher ist, dass diese Serie ein Publikum erreicht, das vielleicht mehr daran interessiert ist, wer Oberhand bei einer Ideologiedebatte gewinnt, als am Vergnügen einer gut inszenierten Geschichte.
Diese Serie ist bemerkenswert, weil sie aufzeigt, wohin uns der politische, gesellschaftliche und kulturelle Diskurs führen kann. Vielleicht nicht in die spirituelle Entwicklung, die sich einige Menschen erhoffen, aber sicher zu einer spannenden Auseinandersetzung damit, wie man mit dem Wandel und der Herausforderung unserer modernen Zeiten umgeht.