Wenn ein Buch den linken Blasen Feuchtigkeit in den Ohren verursacht, dann ist das ein klarer Hinweis auf dessen provozierenden Gehalt. „Das obere Zimmer“ von Arno Schmidt ist so ein Buch. Veröffentlicht im Jahr 1953, zur Zeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaus in Nachkriegsdeutschland, schildert „Das obere Zimmer“ die Geschichte eines Mannes, der in einem Zimmer einer halbverfallenen Villa in einem kleinen Dorf lebt. Warum ist das wichtig? Weil Schmidt es schafft, die menschliche Natur schamlos offen zu legen, was ihn zu einem Feindbild für jene macht, die am liebsten in ihren Echoräumen verharren.
Wir reden hier von einem Werk, das nicht nur von Schmidts Meisterschaft in der deutschen Sprache zeugt, sondern auch von seiner scharfen Kritik an gesellschaftlichen Konventionen. Es ist nicht nur Literatur, sondern eine Infragestellung. Arno Schmidt, bekannt für seinen provokanten Stil, lässt seine Charaktere ohne Rücksicht auf politische Korrektheit agieren, was bei heutigen Selbstgerechtigkeitsfanatikern sicherlich hochrote Köpfe auslöst. Er fängt die Tristesse des deutschen Nachkriegskontextes mit einer solchen Detailfreude ein, die einem das elitär intellektuelle Stigma in ungeahnte Höhen treibt.
„Das obere Zimmer“ handelt von den Nachwehen des Krieges und reflektiert den schweren Weg zurück zur Normalität in einem Deutschland, das immer noch stark mit seiner Vergangenheit ringt. Diese Reflexion wird so authentisch und unverschönt präsentiert, dass es eine brutal realistische Wiederbelebung jener Zeiten ist, die vielleicht lieber unter einem Schleier des Vergessens gehalten werden soll. In Zeiten, in denen die Mehrheit sich durch Samthandschuhe satt fühlen möchte, ist Schmidts unverblümter Schreibstil wie ein wütender Weckruf.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jens Walter, der sich in der Einsamkeit des Zimmers ein neues Leben aufzubauen versucht. Was manche vielleicht als deprimierend ansehen könnten, ist tatsächlich eine Aufforderung zur Selbstprüfung. Der Frage, die Warren durch das Lucas-Prinzip — Unglücke, die mit oft absurd-komischen Situationen parodiert werden — aufwirft, ist klar: Wie weit sind wir bereit zu gehen, um den Komfort unserer vermeintlichen Glückseligkeit zu hinterfragen? Der Gedanke, dass das einzig Beständige, das Veränderliche ist, fordert uns heraus, den Status quo in Frage zu stellen.
Wenn Schmidt in seinen Dialogen Themen von Patriotismus, sinnlosen Traditionen und dem unstillbaren menschlichen Verlangen nach Freiheit beleuchtet, trifft er einen Nerv. Dieser unerträgliche Schreibstil ist nicht einfach eine künstlerische Wahl, sondern eine bewusste Entscheidung, die der prüden „Wir sind alle gut“-Gesellschaft den Spiegel vorhält. Wie andere Werke von Schmidt, treibt „Das obere Zimmer“ den Leser dazu, sich zu fragen: Wo stehen wir in dieser Welt, und wie positionieren wir uns in einem endlosen Kreislauf aus Schein und Sein?
Während einige Kritiker die wenig ausgebaute Handlung bemängeln und als Erzählschwäche auslegen mögen, verstehe ich das ganz anders. Es ist genau diese Lässigkeit in der Struktur, die den Leser dazu zwingt, über die Oberfläche hinauszugehen und die subtilen Signale und Fragen zu erkennen, die Schmidt so niedrigschwellig übermittelt. „Das obere Zimmer“ verleiht dem Leser keinen linearen Verlauf mit handfestem Ende, sondern lädt zu zahlreichen Interaktionen mit dem eigenen Unterbewusstsein ein.
Arno Schmidts Erzählungen beanspruchen keine politische Neutralität, vielmehr radikalisieren sie die Gedanken. Während die voranschreitende Geschichte des Westens uns in den Glauben versetzt, dass der Fortschritt nur in immer neuen Progressionen gemessen werden kann, zeigt Schmidt gerade in seiner Wiederaufarbeitungen der Konflikte, dass manchmal die Antworten nicht im Geplapper versteckt liegen, sondern in der stillen Einkehr.
Zusammengefasst ist „Das obere Zimmer“ nicht nur ein literarisches Werk, sondern eine Anleitung zur persönlichen Erneuerung. In einer Zeit, in der es chic ist, bei all den Gretas und Thunbergs dieser Welt Applaus zu klatschen und in der Herzchen-Emojis Inflation haben, raubt Schmidt jenen das tief in der nötigen Veränderung festgefahrene Gefangensein. Wollt ihr wirklichen Wandel oder hängt ihr doch nur an der Fassade?
Letztendlich ist „Das obere Zimmer“ ein Muss für all jene, die Literatur als Motor für Denken und Handeln begreifen. Diese Provokation in Buchform ermutigt den Leser, abseits traditioneller Methoden zu denken und fordert dazu auf, eigene Überzeugungen zu (er-)leben. Was bietet mehr als eine kluge Herausforderung an die herrschende Ordnung, als ein Buch mit dem Potenzial, Köpfe zu erhellen — auch auf die Gefahr hin, dass es den einen oder anderen Kopf zum Explodieren bringt.