Crossrail: Infrastruktur-Monument oder liberales Desaster?

Crossrail: Infrastruktur-Monument oder liberales Desaster?

Crossrail, das über 100 Kilometer lange Mammutprojekt in London, ist bei Kosten und Zeitplan aus dem Ruder gelaufen. Was für die einen ein Wunderwerk der Infrastruktur ist, sehen andere als verfehlt und verschwenderisch an.

Vince Vanguard

Vince Vanguard

Was hat 15 Milliarden Pfund Sterling gekostet, erstreckt sich über 100 Kilometer und hat die Briten jahrelang in Atem gehalten? Es ist Crossrail, jetzt als Elizabeth Linie bekannt, eine gigantische Infrastrukturinitiative, die bereits 2009 begann. Diese ambitionierte Anstrengung streckt sich von Maidenhead im Westen bis nach Shenfield im Osten und bleibt umstritten, nicht nur wegen seiner Kosten sondern auch wegen der politisch aufgeladenen Diskussionen um Notwendigkeit und Effizienz. Für die einen ist es ein Meisterwerk modernen Ingenieurwesens, für die anderen ein liberaler Alptraum der Kostenexplosion und Verspätungen.

Der erste Punkt zwingt einen geradezu, sich diese Frage zu stellen: Brauchten wir Crossrail überhaupt? Frühe Kritiker argumentierten, dass London bereits ein weitläufiges Nahverkehrsnetz hat. Warum also noch mehr Steuergelder verschleudern? Es mag ja sein, dass zusätzliche Verbindungen nett sind, aber zu welchem Preis? Bedeutet mehr wirklich immer besser?

Werfen wir einen Blick auf die Baustellensicherheit. Eines der größten Projekte der Welt konnte naturgemäß nicht unfallfrei verlaufen. Dennoch wurde es von seinen Verfechtern stets als Vorbild in Sachen Sicherheit beschrieben. Doch ist das wirklich so? Fünf Arbeitsunfälle mit tödlichem Ausgang sind eine traurige Bilanz. Die Frage stellt sich: Wie viel ist ein Menschenleben im Vergleich zu einem Prestigeprojekt wert?

Ein weiterer Punkt: die Organisation und Planung. Anfangs war die Fertigstellung von Crossrail für 2018 geplant. Tja, wie wir alle wissen, wurde dieser erst 2022 eröffnet. Solche Verzögerungen werfen nicht nur ein schlechtes Licht auf die Verantwortlichen, sondern lassen uns auch an den grundlegenden organisatorischen Fähigkeiten zweifeln.

Es war viel von Jobboost und wirtschaftlicher Ankurbelung die Rede. Für die Bauphase stimmt das sicherlich, doch wie sieht es langfristig aus? Die größte Befürchtung ist, dass es nur kurzfristige Arbeitsplätze schafft, die nach Fertigstellung des Projekts verschwinden. Ein Argument, das schwer zu bestreiten ist, wenn man sieht, wie viele Projekte dieser Art in dieselbe Falle tappen.

Hierbei wäre es unaufrichtig, die Verspätungen und die massive Budgetübersicherung nicht zu erwähnen. Ursprünglich auf 14,8 Milliarden Pfund Sterling geschätzt, liegt die Rechnung mittlerweile bei über 19 Milliarden. Darf ich einen Taschenrechner zuhilfe nehmen? Das ist fast 30 Prozent mehr als geplant.

Nun, kommt das große Verkaufsargument: die Umweltfreundlichkeit. Ja, der Nutzung von öffentlichem Verkehr wird nachgesagt, umweltbewusster zu sein als der individuelle Autoverkehr. Aber sehen wir der Wahrheit ins Auge - der Bau solcher Megastrukturen hinterlässt einen massiven ökologischen Fußabdruck, der jeden kurzfristigen Nutzen, den man erzielen könnte, bei weitem übertrifft.

Wie könnte man all das zurückzahlen? Durch Ticketpreise, die einige als „absurd hoch“ bezeichnen könnten. Zwar wird argumentiert, dass Qualität und Sicherheit ihren Preis haben, doch die Höhe dieser Preise dünnt die Reihen derer aus, die darauf angewiesen sind, den täglichen Arbeitsweg zu erträglichen Kosten zurückzulegen.

Keiner bezweifelt, dass Crossrail vieles zu bieten hat. Schnelligkeit und Komfort sind unbestreitbare Vorteile. Doch zu welchem Preis? Ein solches Prestigeprojekt gibt eben nicht jedem Londoner das Gefühl, Teil einer neuen Zukunft zu sein. Vielmehr macht es ihnen bewusst, wie wenig sich Realität von Konzeption unterscheidet, wenn es um das Schüren von Erwartungen geht.

Die Lektion hier? Großprojekte sind ein zweischneidiges Schwert. Sie sehen auf dem Papier großartig aus, lassen sich jedoch selten ohne Anstrengungen in die Realität übertragen. Natürlich kann man sich auf bahnchefgeleitete offizielle Erklärungen verlassen oder man fragt doch: Ist dieses Projekt ein Meisterwerk der Technik oder ein Beispiel für das, was passiert, wenn Planungen überambitioniert sind? Vielleicht ist die Wahrheit, wie so häufig, irgendwo dazwischen. Das dürfen Sie aber selbst beurteilen.