Wer dachte, dass animierte Teenager mit übergroßen Köpfen nicht noch chaotischer werden könnten, hat die vierte Staffel von "Big Mouth" noch nicht gesehen. Diese Staffel, die Ende 2020 auf Netflix erschien, spielt mit den Emotionen und den chaotischen Pubertätsjahren einer Gruppe von Jugendlichen. In einer Welt, wo politische Korrektheit König ist, präsentiert diese Serie das genaue Gegenteil: echte, manchmal unbequeme Wahrheiten über das Jungsein.
Netflix hat mit dieser Serie eine Art modernen Animations-Wildwesten geschaffen, voller Hormone und absurder Momente. Dabei begleitet der Humor, der realistischerweise eher vulgär als subtil ist, die explorative Reise durch die Pubertät: von der Identitätssuche bis zu den ersten Verliebtheiten.
Doch die vierte Staffel hat einen besonderen Twist. In ihrem Kern steckt das übliche Big Mouth Chaos, doch dieses Mal mischt sich ein neues Element ein - übermotivierte moralische Belehrungen. Weg sind die Tage des einfachen Gags; stattdessen wird die politische Agenda immer präsenter.
Machen wir uns nichts vor: "Big Mouth" hat nie einen Hehl aus seiner generellen politischen Ausrichtung gemacht. Die Serie stellt brennende Gesellschaftsfragen penetrant in den Vordergrund und man könnte meinen, sie sei auf eine Mission den Zuschauer zu erziehen. Da mag dem einen oder anderen Zuschauer das korrekte Pronomen wichtiger erscheinen als der eigentliche Unterhaltungswert der Serie.
Ein faszinierender Konfliktpunkt ist die Darstellung von Charakteren, die diverser nicht sein könnten. Doch scheint diese Diversität manchmal gezwungen und klischeehaft zu erscheinen. Verständlich; politische Vorgaben betreffen mittlerweile jede Facette der Unterhaltungsindustrie und "Big Mouth" bildet hier keine Ausnahme.
Die vierten Staffel ist gekennzeichnet durch eine erweitere Fokussierung auf psychologische Themen. Die Einführung des "Anxiety Mosquito" als eine Metapher für die Angstzustände der Jugendlichen fügt eine düstere Note hinzu. Das ist jedoch kein Geheimnis mehr: Jugendliche kämpfen mit vielen inneren Dämonen. Ein "Mosquito" der als Sinnbild für Stress und Sorgen umherfliegt, ist dabei eher metaphorischer, sozialer Erklärungsversuch als eine bahnbrechende neue Idee.
Obwohl der Humor nach wie vor brutal ehrlich ist, verliert er jedoch an Schlagkraft, sobald er sich zu stark und zu oft auf politisches Terrain begibt. Jeder Scherz, der in eine bedachte Richtung getrieben wird, verliert an Spontanität.
Neuzugänge im Charakterportfolio bereichern diese Staffel in gewisser Weise. Doch wirkt die Einbeziehung neuer Figuren, die stereotypische Merkmale bedienen, stellenweise nicht authentisch. Sie erfüllen die politisch korrekte Quoten und sparen nicht an der Holzhammer-Methode. Ein Versuch, ein möglichst inklusives Bild ohne Überraschungen zu zeichnen.
Trotzdem ist "Big Mouth" noch immer große Unterhaltung für diejenigen, die sich nicht leicht abschrecken lassen. Die animierten Charaktere bieten in ihrer übertriebenen Art durchaus einige erkennenswerte Momente, wenn auch die politischen Einschübe ungewollt das größte Augenzucken hervorrufen können.
Eines kann man der Serie nicht nehmen: Sie porträtiert die Zeit des Heranwachsens unverblümt, direkt und wählt keinen beschönigenden Zugang. Doch gerade in der Darstellung wird die Frage interessanter, ob die Darstellung jugendlicher Probleme amüsant sein kann, wenn sie mit einer Agenda abgewogen wird.
Abschließend bleibt zu sagen, dass "Big Mouth" Staffel 4 ein kaleidoskopisches Bild der modernen Gesellschaft zeichnet, das jedoch den allgegenwärtigen Schatten des moralischen Zeigefingers nicht völlig abschütteln kann. Mehr Gags, die sich auf das Leben und weniger auf die politische Ambition konzentrieren, wären hier gewiss der Weg zu größerem Erfolg. Doch für nun bleibt "Big Mouth" ein unterhaltsamer, wenn auch kritikwürdiger, Komplex aus Animation und Erziehung.