Schon mal was vom großen, aber letztlich gescheiterten Versuch gehört, ein Wirtschaftswunder im Nahen Osten zu schaffen? Willkommen in Baiji, der ehemals größten Ölraffinerie des Iraks. Wer stolze Raffinerien mag, die nicht von pirschenden Liberalen mit Umweltschutzbekundungen belagert werden, der wird Baiji als Sinnbild strahlender freier Marktwirtschaft begreifen.
Die Geschichte von Baiji beginnt in den 1970er Jahren. Die irakische Regierung beschließt, eine gigantische Raffinerie zu bauen, um die Ölindustrie des Landes zu revolutionieren. Im Sonnenschein der Ölwirtschaft wurde Baiji zur größten Raffinerie des Landes und förderte täglich über 300.000 Barrel Öl. Ein Wirtschaftswunder könnte am Horizont strahlen, doch dann geschahen zwei Dinge, die die Erzählung der freien Marktkräfte zunichtemachten.
Zum einen führten jahrelange internationale Sanktionen gegen den Irak dazu, dass die Raffinerie immer weiter ins Hintertreffen geriet. Moderne Technologie war in Baiji Mangelware, da der Zugang zu neuen Entwicklungen letztlich versperrt blieb. Währenddessen hatten das Land und seine Raffinerie durch den Iran-Irak-Krieg bereits erste deutliche Schäden davongetragen.
Als wäre das alles nicht genug, kam dann 2003 der endgültige Schlag - der Irakkrieg. Er präsentierte Baiji und dem Land als Ganzes eine Katastrophe, die jede Vorstellungskraft überstrapazierte. Die Raffinerie wurde zum Spielball rivalisierender Mächte und kriegerischer Fraktionen. Amerikanische Truppen besetzten das Gelände, versuchten mit hohem Aufwand, die Produktion wieder aufzunehmen, doch es war ein Himmelfahrtskommando zwischen Konten, die in den roten Zahlen lagen und unhaltbarem Sicherheitsbedenken.
2009 schien sich das Blatt zu wenden. Die irakische Regierung investierte massiv in die Wiederinstandsetzung unter der bewährten Annahme, dass Öl der Königsweg zu wirtschaftlicher Stabilität sei. Doch wie das so ist, wurden die Investitionen von Korruption und Bürokratie zermürbt. Letztlich waren es Mühlsteine um den Hals der Hoffnung.
Dann schlug das absolute Unheil zu. 2014 überrannten die brutalen Kräfte des IS Baiji. Sie zerstörten große Teile der Raffinerie, in einem unaufhaltsamen Feldzug gegen alles, was Stabilität hätte versprechen können. Die Kämpfe waren so intensiv, dass letztlich der IS die Raffinerie verließ, doch da war von der ursprünglichen Pracht nicht mehr viel übrig.
Anders als einige vielleicht naiv glauben mögen, war Baiji nie dazu bestimmt, ein grünes Energiezentrum zu werden. Es war Herzstück eines Wahns über den Fortschritt, den nur der Kapitalismus bieten kann. Doch da kein System gegen Chaos gefeit ist, zeigt Baiji mit aller Deutlichkeit, dass keine Ideologie siegt, wenn Terror die Oberhand gewinnt.
In den Jahren seit der Befreiung von Baiji blieb die Raffinerie ein Symbol des Niedergangs. Die irakische Regierung versprach, die Anlagen wiederherzustellen, aber in einem Land, wo Fehden schwerer wiegen als technischer Fortschritt, sind Versprechungen leicht gemacht, verfliegen jedoch im heißen Wüstensand.
Das Schicksal Baijis ist eine Mahnung an jene, die glauben, dass Geld und Öl alleine ausreichen, um einen Staat zu stabilisieren. Es zeigt, dass ohne Frieden und ohne eine stabile politische Masse selbst die größten Vorhaben zerfallen können. Und während die Welt zusieht, bleibt Baiji ein trauriger Beweis, dass politischer Wille alleine nicht ausreicht, um einen verlorenen Schatz aus den Klauen des Chaos zu retten.