Wenn Filme Straßen wären, dann wäre "Ātman" aus dem Jahr 1975 die abenteuerliche Bergstraße, auf der sich ein Großteil des liberalen Hollywoods verirren würde. Gedreht von keinem Geringeren als Toshio Matsumoto, der ohnehin dafür bekannt ist, Konventionen herauszufordern, bietet dieser Film eine kraftvolle Reise vom ersten bis zum letzten Frame. Gedreht in Japan, behandelt dieser Film eine Thematik, die so alt ist wie die Menschheit selbst: die Suche nach dem Selbst, oder wenn man es krass ausdrücken möchte, das Ringelspiel des "Wer bin ich und warum bin ich hier?".
"Ātman" ist kein Film für den Mainstream und das mag in erster Linie diejenigen erschüttern, die sich für hochpolitische Dekrete interessieren, die ihnen von den Eliten aufgetragen werden. Der Film arbeitet mit Techniken des Experimentalfilms, die die Grenze zu surrealen Erfahrungen auflösen und dabei die Sprengkraft besitzen, die Bequemlichkeit des Zuschauers zu erschüttern. Warum? Weil es hier keine einfache Storyline gibt, die einem Schienenstrang folgt, sondern ein kreatives Geflecht von Bildern und Tönen, die sich wie ein Puzzle zusammensetzen.
Matsumoto setzt visuelle und auditive Effekte ein, die den Zuschauer in den Bann ziehen. Es ist ein Film, der einen quasi in eine Trance versetzt, so wie es Mainstream-Filme niemals könnten, und dabei die Frage stellt: Was bleibt wenn unser äußeres Bild zerfällt? Anders als herkömmliche Filme sieht man sich bei "Ātman" nicht mit heldenhaften Rettern konfrontiert, die im letzten Moment alles zum Guten wenden. Es ist ein Film, der durchaus eine Nische bedient, die irgendwo zwischen intellektueller Herausforderung und geistiger Erleuchtung liegt.
Wie ein Labyrinth, das sich ständig selbst verändert, fordert der Film seine Zuschauer heraus, mehr als nur passive Konsumenten zu sein. Das mag sicherlich all jene stören, die ihre Filme in angenehmen, wohldosierten Häppchen serviert bekommen wollen. Aber "Ātman" funktioniert eben wie eine Achterbahnfahrt der Emotionen - eine, bei der die Abschnitte unvorhersehbar erscheinen und bei der sich die Spannung aus den konstanten Wechseln im Rhythmus ergibt.
Jetzt könnte man sich fragen, warum dieser Film immer noch relevant ist oder warum er überhaupt Aufmerksamkeit erhalten sollte. Nun, in einer Zeit, in der die Unterhaltung verwässert und oft politisiert wird, bietet "Ātman" eine authentische Erfahrung, die zum Nachdenken anregt und Reflexion fordert. Statt den Zuschauer mit Zuckerwatten-Politik zu betäuben, drängt dieser Film zur Reflexion über das Menschsein.
Einige mögen sagen, dass sich solche Filme abgehoben oder elitär präsentieren, doch in Wirklichkeit bieten sie etwas, zu dem viele nicht bereit sind: eine Herausforderung. Und mal ehrlich: In einer Welt voller Gefälligkeiten und Vorhersehbarkeit, suchen wir nicht alle nach dem, was wirklich zählt und tief geht? "Ātman" könnte hier den Ausschlag geben, indem er als ungeschminkter Spiegel dient, der den Betrachter dazu bringt, sich selbst zu erkunden.
Es ist leicht, einen solchen Film in die Kategorie der "schwierigen" oder "anspruchsvollen" Filme zu verbannen und damit die Auseinandersetzung mit ihm zu umgehen. Diejenigen, die allerdings den Mut aufbringen, sich auf diese filmische Erfahrung einzulassen, werden entdecken, dass es sich lohnt, auch wenn es gelegentlich unbequem ist. Viele heutige Filmkonsumenten sind daran gewöhnt, dass ihnen Antworten direkt vor die Füße gelegt werden. "Ātman" schlägt eine andere Richtung ein, so dass die vermeintlichen Antworten letztlich nur der Beginn einer vielschichtigen Reise sind.
Bei "Ātman" geht es nicht darum, das Publikum nett zu umwickeln und es sanft in eine Traumwelt zu begleiten. Vielmehr entführt er in eine Reflexion darüber, was wir im Innersten sind. Ein Film, der noch vor Jahrzehnten gedreht wurde, erweist sich als zeitlos, nicht weil er einfach zu verstehen ist, sondern gerade weil er diese Einfachheit scheut. Wenn Matsumoto mit "Ātman" eines gezeigt hat, dann, dass Filmkunst es immer noch vermag, ein individueller Auftrag zu sein – ohne das sparsame Applaudieren von denen, die die Massen kontrollieren.
Paradoxerweise ist gerade ein solcher Film einfacher, als viele Kommerzprodukte es sein könnten, indem er vor Befreiung aus einem anderen Zeitalter besteht, eines, das nicht in ständigen Zyklen der Beliebigkeit gefangen ist. Vielleicht ist gerade deshalb "Ātman" ein Film, den man gesehen haben muss – eine Herausforderung, die sich lohnt und den Zuschauer im besten Sinne verlangt, dasselbe zu evaluieren: das eigene "Ich".