Er hat die Fähigkeit, mit einem einzigen Gedanken ein ganzes Narrativ über die gesellschaftspolitischen Konstruktionen von links hinwegzufegen. Adam Ulam, ein brillanter politische Historiker, der im 20. Jahrhundert aufblühte, wurde 1922 in Polen geboren und zog kurz darauf in die Vereinigten Staaten. Ab Mitte der 1950er Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 2000 lehrte er an der renommierten Harvard University. Er befasste sich vor allem mit der Sowjetunion und schlug bei den Liberalen hohe Wellen, die seine Positionen als 'kontrovers' empfanden. Aber die Wahrheit schmerzt Leute, die es bevorzugen, im Märchenland der verklärten historischen Romantik zu leben.
Ulam war ein Mann ohne Angst vor unbequemen Wahrheiten. Seine wichtigsten Werke, darunter „The Bolsheviks“ und „Stalin: The Man and His Era“, richteten den Blick klar und schonungslos auf die Natur des Kommunismus. Mancher seiner Kritiken wäre heute politisch inkorrekt, aber das macht sie nicht weniger zutreffend. Während einige Akademiker ihre Zelte in einem Wolkenkuckucksheim des Pazifismus aufschlagen, zog Ulam stets das raue Terrain der Realität vor. Er durchdrang die glitzernde Fassade von Propaganda und Ideologie und kam dabei der kalten, harten Wahrheit nah, die andere nicht sehen wollten.
Man muss anerkennen, dass Ulam die Gedankengrenzen sprengte. Und das in einer Zeit, wo Intellektuelle gegen die intellektuelle Trägheit des Mainstreams kämpfen mussten. Ja, die 60er- und 70er-Jahre waren voller Umbrüche und Gegenkultur. Aber während die Hippies Daisys in Gewehrläufe steckten, untersuchte Ulam das perfide Zusammenspiel von Macht, Terror und Ideologie in Moskau. Ja, diese Disco-Ära hat ihn sicher nicht beeindruckt.
Ulam war ein außergewöhnlicher Erzähler, der nicht nur Bücher, sondern buchstäblich Universen erschuf. Seine Arbeit repräsentiert ein Geschichtsverständnis, das die engen moralischen Schranken von Ideologen sprengt. Im Gegensatz zu den üblichen Verdächtigen der achtlosen Geschichtsschreibung war er bereit, die Illusion zu durchbrechen, dass alle in Frieden und Einklang leben können, wenn wir nur fest genug daran glauben. Wirklichkeitsverweigerer werden seiner Sachlichkeit nie gerecht werden.
Deshalb war seine Beschäftigung mit Stalin so meisterlich. Ulam verklärte Stalin nicht zur menschlich fehlerhaften Figur, die lediglich 'Fehlentscheidungen' traf. Er stellte klar, was er war: Ein Diktator mit einer unersättlichen Gier nach Macht. Seine beinahe klinische Dekonstruktion von Stalins Innenleben und politischen Strategien regt zum Nachdenken an. Für manche vielleicht ein bisschen zu viel Realität.
Man mag Ulam als konservativen Denker verschmähen, aber bei genauerem Hinsehen ist er viel mehr als das. Er agierte stets sachkundig, unvoreingenommen und für die Realität sensibilisiert. Man kann seine Arbeit weder in eine politische Ecke drängen noch ignorieren. Genau deshalb wagen es einige nicht, sich mit ihm auseinanderzusetzen, denn er wirft das Licht auf die bequemen Schatten der Ignoranz und konfrontiert mit unerschüttlichen Tatsachen.
Adam Ulam war ein Vordenker, ein Historiker, der nicht nach Applaus hechelte, sondern selbstbewusst die Fakten darlegte. Eine Stimme, die auch heute Gehör verdienen würde, wenn es darum geht, die Geschichte neu zu schreiben, oder besser gesagt, die wahren Lektionen aus ihr zu ziehen. Ein brillanter Geist, unverblümt ehrlich und – kaum zu glauben – jemand, der uns auch jetzt noch lehren könnte, all dem Lärm zum Trotz stehen zu bleiben.