Wenn es nach dem jüngsten Buch 96 Ziemlich Bittere Wesen von Andreas Pflüger geht, dann hat die Welt der Krimi-Literatur einen spannenden, wenn auch provokanten Neuzugang erhalten. Der Roman, 2023 veröffentlicht, entfaltet sich wie ein Kaleidoskop aus Scharfsinn, Spannung und subtiler Gesellschaftskritik – natürlich aus einer ganz bestimmten Perspektive, die den traditionellen „Alles-versteh-alles-bejubel-Blick“ der lieben Weltverbesserer herausfordert. Es ist ein Krimi, der nicht nur die Nerven kitzelt, sondern gleichzeitig mit den Werten und Idealen jongliert, die manch einer als gegeben sieht. Tatort dieses Geschehens ist eine düstere Interpretation unserer modernen Gesellschaft, in der nicht alles süß gestrichen ist und man die bitteren Wahrheiten direkt serviert bekommt.
Andreas Pflüger entfaltet seine Story mit meisterhaft gezeichneten Charakteren, die ihre eigenen Makel und Motive mit sich tragen. Jeder Protagonist ist ein kleines brillantes Puzzlestück, das in ein größeres, dunkleres Bild hineinpassen muss – und erleben muss, was passiert, wenn die Ecken mal nicht so perfekt ineinander greifen. Pflüger führt uns durch eine Welt voller Intrigen und moralischen Grauzonen, wo Helden und Schurken oft schwer zu unterscheiden sind. Und genau das macht es so spannend: Es gibt keine klaren Linien und doch eindeutige Konsequenzen.
Und wer liebt es denn nicht, wenn die "bitteren Wesen" vorgeführt werden? Denn 96 Ziemlich Bittere Wesen ist ein Titel, der allein schon eine gewisse Erwartungshaltung weckt. Man erwartet zynische Dialoge und schneidende Ironie – beides bekommt man! Und es geht nicht nur darum, einen Mörder zu finden. Pflüger haut auf den Tisch und ignoriert jegliche Befindlichkeiten. Das ist Literatur, die einlädt, darüber nachzudenken, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und ob sie nicht auch anders sein könnten, wenn man den Mut hätte, es zu ändern.
Dieser Krimi ist dankbarerweise kein Wischiwaschi-Konstrukt, wie viele heute auf dem Markt. Nichts mit Samthandschuhen oder weichgespült – da wird Tacheles geredet! Die Handlung schlägt Haken und Wendungen, die man so nicht erwartet. So als ob Pflüger uns sagen möchte: "Seht her, die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß, sondern vielmehr ein schillerndes Grau, dass man nur am Ende verstehen kann, wenn man alle Schattierungen für das Konstrukt Wahrheit akzeptiert."
Ein provokativer Mix also – mit einem Lächeln oder auch einem Auflachen, mal augenzwinkernd, aber niemals harmlos. Die Lektüre offenbart die krasse Wirklichkeit, zieht auf dem Weg klug durch die gängigen Debatten, spielt mit Vorurteilen und entblößt Doppelmoral. Wer sich nicht mit Pflügers Version der Realität abfinden will, kann ja umblättern - doch dann verpasst er schnell, worum es wirklich geht.
Und so bietet Andreas Pflüger mit diesen Werke keine Besänftigung für zarte Seelen, sondern eine direkte Aufforderung: Hinsehen, verstehen, realisieren - ja, lieber Leser, 96 Ziemlich Bittere Wesen ist eine Reise, die manche zu einem Spiegel für ihre eigenen inneren Dämonen machen könnte. Wäre vielleicht mal an der Zeit. Am Ende bleibt nicht nur ein Kriminalfall, sondern vielleicht sogar die Erkenntnis übrig, dass die „bitteren Wesen“ irgendwo in uns allen schlummern. Ein Buch, das man lesen sollte, nicht weil es einfach in der Hängematte liegt, sondern weil es fordert - und das ist selten genug. Ach, und für diejenigen, die lieber alles harmonisch und angepasst mögen: man muss ja nicht alles verstehen.