Bücher, die unser Herz berühren, sind selten, und Sarah Dessen ist mit ihrem Werk 'Mehr Herzen als meins' ein solches Juwel gelungen. Diese fesselnde Geschichte, die 2019 auf Deutsch erschien, erzählt von Emma Saylor, einer Teenagerin auf einer Reise, die nicht nur geografische, sondern auch emotionale Distanzen überbrückt. Emma, die nach dem Tod ihrer Mutter aufbricht, um ihre entfremdete Familie in der ländlichen Idylle North Carolinas kennenzulernen, entdeckt eine Welt, die sie nie kannte, und gleichzeitig Teile von sich selbst, die lange verborgen waren. Dieses von Dessens einzigartigem Schreibstil geprägte Werk wirft Fragen auf, die nicht nur Emma betreffen, sondern uns alle.
Mit einem sensiblen und politisch offenen Ansatz erzählt 'Mehr Herzen als meins' die Geschichte von Familie, Verlust und der Suche nach Identität. Der Roman thematisiert komplexe Themen wie Trauer und das Heranwachsen in einem Umfeld, das Antworten bereithält, die wir vielleicht nicht suchen, aber dringend brauchen. Inmitten von Unsicherheiten und Unsagbarem muss sich Emma mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen und Antworten finden, die oft unangenehm sind. Dies spiegelt sich in Gesprächen mit ihren Großeltern und der neuen Generation an Cousins wider, wo nicht immer alles glatt läuft und Konflikte unvermeidlich sind.
Sarah Dessen weiß geschickt, wie sie ihre Leser einbindet, indem sie den Blick sowohl auf die großen, als auch auf die kleinen Momente im Leben richtet. Probleme wie soziale Ungleichheit oder die komplexe Frage, wie man mit seinem Erbe und seiner Persönlichkeit zurechtkommt, werden behutsam angesprochen. Während einige Leser bemängeln mögen, dass Dessen in gelegentlichem Optimismus die Dramatik etwas relativiert, zieht sie dennoch mit ihrem ehrlichen und einfühlsamen Schreibstil in den Bann.
Ein bemerkenswerter Aspekt der Geschichte ist die Balance, mit der familiäre Werte gegen moderne Vorstellungen von Individualität abgewogen werden. Emmas Großeltern repräsentieren eine weltliche Weisheit, während ihre jungen Cousins Elemente der zunehmend dynamischen, digitalen Welt verkörpern. Diese verschiedenen Lebensstile und Denkweisen stehen sich gegenüber, müssen sich aber irgendwie zusammenfügen lassen. Das Bedürfnis, eigene Wege zu gehen und gleichzeitig die Wichtigkeit familiärer Bindungen zu erkennen, wird deutlich nachfühlbar.
Politisch liberale Geister werden in Dessen’s Roman Parallelen zu realen sozialen Debatten erkennen. Ein kritikvolles Lesen lässt herausfordernde Fragen über soziale Schichtung und Vorurteile im ländlichen Amerika aufkommen. Dessen gelingt es, die Leser nicht nur als Voyeurs, sondern als aktive Teilnehmer der Erzählung einzubeziehen. Man wird dazu angeregt, über die eigene Position nachzudenken und wie diese durch Umstände und Erfahrungen geformt wurde.
Auch zeigt der Roman, dass Nostalgie und Tradition immer noch eine Rolle in der modernen Welt spielen. Während Emma von Smartphones und Fotos in einem Album ihrer Kindheit Abstand nimmt, wird deutlich, dass Erinnerungen nicht weniger authentisch sind, nur weil sie digital festgehalten werden. Diese Dualität zwischen Alt und Neu, zwischen Bewahrung und Moderne, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.
Die Protagonistin setzt ein Zeichen gegen die oft als gegeben hingenommene Vorstellung, dass junge Menschen sich nicht mit ihrer Geschichte beschäftigen. Emma zeigt Schritte, die vorwärts und zurückgehen, mit Stolpersteinen, die ebenso zu ihrem Weg dazugehören, wie die Erkenntnisse, die sich aus ihnen ergeben. All diese Erfahrungen summieren sich zu einem Porträt der Adoleszenz, das sowohl herzergreifend als auch bestärkend ist.
Ein zusätzlicher Reiz liegt im Setting der Geschichte. Die Kulissen des Lake North machen 'Mehr Herzen als meins' zu mehr als nur einer Erzählung über Persönliches. Die Landschaft, die Dessen in ihrer Heimat North Carolina so liebevoll beschreibt, spiegelt die Suche nach Freiheit und Offenheit wider und steht gleichzeitig sinnbildlich für urtümliche Verwurzelung. Für Emma werden diese Orte nicht nur zu einem Spiegel ihrer eigenen Zerrissenheit, sondern auch zu einem Ort der Heilung.
Von manchen als zu weich oder gar idealisiert wahrgenommen, hat das Buch dennoch seine deutlichen Stärken. Indem es jene Dynamik widerspiegelt, die so viele junge Menschen heute erleben, zeigt Dessen, dass auch sanfteren und verständnisvollen Ansätzen eine immense Kraft innewohnt. Statt starrer Dogmen sind es Empathie und Verständnis, die letztendlich Mauern einreißen.
Letztlich finden sich in Dessen's Roman Lektionen für alle Altersgruppen, die von sich selbst und der Bedeutung derer, die ihr Leben beeinflussen, darauf hinweisen, dass mehr Herzen als nur das eigene in Harmonie schlagen.